Was der Umgang mit Tieren über uns Menschen aussagt
Ein siechender Wal am Ostseestrand, ein einsamer kleiner Affe in einem japanischen Zoo, ein durch Hamburg streunender Wolf lösen bei viele Menschen heftigere Gefühle aus, als die Nachrichten von Kriegen und Wirtschaftskrisen. Politiker geben Statements zum Schicksal der Tiere ab, Medien berichten aufgeregt. Aktivisten und Helfer versuchten mit hohem technischem Aufwand den Wal am Leben zu halten. Hamburger Polizisten schossen nicht, sondern taten alles, um den Wolf lebend einzufangen. „Der Wolf wird derzeit medizinisch versorgt,“ versicherte die Umweltbehörde den Bürgern der Hansestadt. Was geht da vor?
Neu ist das Phänomen nicht. Einzelne Tiere, deren besonderes Schicksal bekannt wird, habe auch in der Vergangenheit zu öffentlichen Erregungswellen geführt. Der handaufgezogene Eisbär Knut, Problembär Bruno oder die freiheitsliebende Kuh Yvonne bewegten die Nation. Und sie waren bei Weitem nicht die ersten Tiere, die für einige Wochen der menschlichen Prominenz die Schau stahlen.
Im Kontext solcher Hypes wird gern auf den erschütternden Doppelstandard hingewiesen, den wir Menschen im Umgang mit Tieren an den Tag legen. Knapp 49 Millionen Säugetiere werden pro Jahr in Deutschlands Schlachthöfen getötet. Nimmt man Hühner und anderes Geflügel hinzu, sind es zusammen 746 Millionen. Plus den Wildtieren, die von Jägern geschossen werden, kommt man 751 Millionen. Die Zahl der gefangenen Fische ist nicht bekannt, da sie nach Gewicht gehandelt werden. Könnte man Fische hinzuzählen und obendrein die Schädlingsbekämpfung, würde man sehr wahrscheinlich auf weit über zwei Milliarden Tiere kommen, die für Ernährung, Sicherheit und Hygiene von uns Deutschen pro Jahr vom Leben in den Tod befördert werden. Dies wird von den meisten Menschen in aller Stille akzeptiert und man redet nicht viel darüber. Nach Erhebungen des Max-Rubner-Instituts leben etwa vier Prozent der deutschen Bevölkerung vegetarisch und ein Prozent vegan.
Auf der anderen Seite ist der der Umgang mit öffentlichen bekannten Tieren immer sensibler und teilweise hysterisch geworden. Zoos werden von Aktivisten gestürmt, wenn sie aus Gründen des Zuchtmanagements ein paar Tiere töten müssen. Reiseveranstalter boykottieren Tierparks, die Delphine oder Schwertwale zeigen. Städte verbieten Zirkussen ihre Gastspiele, wenn Tiere in der Manege auftreten.
Nicht nur einzelne Tiere, auch manche Tierarten werden mit einer Sonderstellung aus dem Tierreich hervorgehoben. Jahrelang tobte der politische Streit, ob Jäger Wölfe schießen dürfen, obwohl sie immer zahlreicher wurden und keinerlei Risiko bestand, dass die Wölfe durch Jagd in Deutschland wieder aussterben könnten. Wesentlich mehr wirtschaftlichen Schaden richtet die Fokussierung auf das Schicksal einzelner Tiere oder kleinster Tierpopulationen an, wenn es um das Verhindern von Infrastrukturprojekten oder Wohnungsbau geht. Da genüg es, wenn die Verhinderer ein paar seltene Insekten auf dem Baugrund entdecken. Während die gleiche Tierart auf landwirtschaftlichen Flächen zu Tausenden vernichtet werden darf. Wie heißt es in der Drei-Groschen-Oper so schön: „Die einen sind im Dunkeln, die anderen sind im Licht.“
Die kognitive Dissonanz zwischen Einzelschicksal und Massenschicksal ist nichts, was Menschen speziell auf Tiere anwenden. Tucholsky schrieb 1925: „Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik“ (Seltsamerweise wird dieses Zitat in manchen Veröffentlichungen Stalin zugeschrieben). Vermutlich liegt die Widersprüchlichkeit der Gefühle daran, dass uns ein furchtbares Massenschicksal emotional überfordert. Mit Tausenden kann man kein echtes Mitleid haben. Es ist müßig, den Doppelstandard bei den Tieren zu verdammen. Gegenüber Menschen fühlen wir genauso widersprüchlich.
Neu ist lediglich der Aufwand, der Tieren zu Teil wird, die man als Individuen wahrnimmt. Sündhaft teure Hüftoperationen oder Krebstherapien bei Haustieren sind mittlerweile keine Ausnahme mehr. Menschen stürzen sich in Schulden, um ihre Katze oder ihren Hund am Leben zu erhalten. Tierärzte berichten, immer häufiger würden Besitzer nicht akzeptieren, dass ihr todkrankes Haustier unweigerlich sterben wird und alle weiteren Lebenserhaltungsversuche eine Qual sind. Ein Teil der Menschen in den westlichen Gesellschaften hält den Tod offenbar für eine ungehörige Störung des Daseins, die man wegtherapieren könne.
Der aberwitzige Aufwand, der um einzelne bekannte Tiere betrieben wird, ist auch ein Ausdruck des Wohlstands, der trotz wirtschaftlichen Niedergangs offenbar immer noch vorhanden ist. In Europa kann man es sich leisten, für einen Wal eine Sandbank abzubaggern. Das mag Kritikern dekadent erscheinen. Andererseits zeigt es auch, dass viele Menschen Mitleid mit einer leidenden Kreatur haben – was ja nicht der schlechteste Charakterzug ist. In Frieden und Harmonie mit den Tieren zu leben ist ein uralter Menschheitstraum. Der leider niemals verwirklich werden kann, denn zu sehr ist der Mensch auf das Tier als Ressource angewiesen. Wenn wir aufhören würden Tiere zu töten, wäre der Verzicht auf fleischliche Ernährung das geringste Problem. Niemand kann einen Acker bestellen, ohne dass die dort zuvor lebenden Tiere in Mitleidenschaft gezogen werden. Ohne Schädlingsbekämpfung müssten auch Veganer verhungern.
Es stimmt, wir vergessen die Tausenden und führen einen sentimentalen Tanz um Einzelne auf. Das liegt in der menschlichen Natur. Niemand kann alle und alles lieben, auch wenn Jesus das gefordert hat, und einige behaupten sie könnten es. Nicht nur gegenüber Tieren und Menschen fühlen wir ungleich, sogar gegenüber Gegenständen. Mein Bett habe ich viel lieber als alle anderen Möbel.
