Auch Qualitätsmedien bieten nicht immer Qualität (Foto: L.Heckelmann)

Was fehlt dem deutschen Journalismus?

Von Michael Miersch

Zehn Mängel, die einfach zu beheben wären

Seit etwa einem Vierteljahrhundert geht es mit den klassischen Informationsmedien bergab. Besserung ist nicht in Sicht. Gratisangebote im Internet, Social Media, die schwindende Fähigkeit Texte zu erfassen und viele andere Faktoren nagen an Auflagen und Reichweiten. Einer dieser Faktoren ist die wachsende Skepsis von Lesern und Zuschauern, die dem professionellen Journalismus nicht mehr trauen. Nicht wenige sind in die Ressentiment-Ecke abgewandert und folgen nun sogenannten Alternativmedien, deren Erfolgsrezept darin besteht, reflexhaft stets das Gegenteil der sogenannten Mainstream-Medien zu behaupten. Doch die Zweifel an den traditionellen Leitmedien wachsen nicht nur bei Lügenpresse-Rufern aus dem AfD-Milieu. Auch Liberale und Linke fühlen sich schlecht informiert und stören sich an einem pädagogischen Ton, der überzeugen will, statt zu informieren.

Dies geschieht – so meine Erfahrung in diversen Medien – meist nicht bewusst mit dem Willen zu manipulieren. Wie alle anderen Menschen unterliegen Journalistinnen und Journalisten dem Zeitgeist. Die Prämissen des Zeitgeistes werden normalerweise nicht angezweifelt. Die Frage „Stimmt das überhaupt?“ stellen die meisten nur, wenn eine Nachricht kontraintuitiv ist. Passt sie in die allgemeinen Annahmen, bleibt eine Prüfung aus. Die Lügengeschichten des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius waren nur deshalb so erfolgreich, weil sie exakt ins Weltbild der akademischen Mittelschicht und damit sowohl der Redaktion als auch der Leserschaft passten. Ein schöner Satz des Schriftstellers Manès Sperber lautet: „Alles noch einmal überprüfen, nichts als gegeben hinnehmen, wir alle befinden uns partiell im Irrtum und – auch wer gegen den Strom schwimmt, schwimmt im Strom.“

Was tun? Es gibt ein paar simple Regeln, die zum Handwerkszeug des Journalismus gehören, jedoch oftmals nicht befolgt werden. Deren Einhaltung würde unbewusste Einseitigkeit und Voreingenommenheit reduzieren und damit die Glaubwürdigkeit verbessern. Sie sind einfach und wirksam.

Nicht in die Expertenfalle tappen

Auch der beste Experte repräsentiert nicht die ganze Fachgemeinde. Es ist verführerisch, wenn man einen kompetenten, eloquenten und obendrein sympathischen Professor gefunden hat, ihn als den „Papst“ seines Faches zu präsentieren, wie es mit Christian Drosten geschah. Die Wissenschaft gibt es nicht, nur wissenschaftliche Methoden und wissenschaftliches Vorgehen. Eine Erkenntnis gilt immer nur so lange bis sie von einer besser begründeten Erkenntnis widerlegt wird. Der Medienwissenschaftler Rudi Holzberger wies nach, dass in den 1980er-Jahren als das Waldsterben die Deutschen in Angst und Schrecken versetzte, die immer gleichen Experten von Journalisten befragt wurden. Zwei Wissenschaftler dienten den Medien als Kronzeugen: ein Bodenkundler der Universität Göttingen, und ein Forstbotaniker der Ludwig-Maximilians-Universität München. Fernsehen, Hörfunk, Zeitungen und Zeitschriften zitierten immer wieder diese beiden und fast nie Wissenschaftler, die Zweifel an der Theorie vom Waldsterben anmeldeten.

Schau mal ins Archiv!

Der Demoskop Thomas Petersen beschrieb das Kurzzeitgedächtnis vieler Reaktionen einmal mit dem Satz: „‘Noch nie dagewesen‘ ist Journalistendeutsch für ‚in den letzten zwei Jahren nicht vorgekommen‘.“ Der Wunsch, man präsentiere dem Publikum ein wahrhaft neues Thema, ist oft übermächtig. Doch leider gibt es wenig auf der Welt, was es nicht schon einmal gab. Daher lohnt es sich, einen Moment das eigene Gedächtnis zu bemühen oder mal einen Blick ins Archiv zu werfen. Meistens reicht schon Googlen, um die Frage „Gab’s das schon einmal?“ zu beantworten.

Im Jahr 2016 verkündete das Magazin „Stern“ eine „Zeitenwende“. Die Ursache sei ein neues Phänomen: „Fake News“.  So etwas habe es noch nie gegeben. Offenbar konnte sich niemand in der Redaktionskonferenz daran erinnern, dass im gesamten 20. Jahrhundert Diktatoren, aber auch unseriöse Politiker in Demokratien die Welt mit Lügen überschüttet hatten. Von den Jahrhunderten davor ganz zu schweigen.

Im November 2022 sendete der Deutschlandfunk eine Diskussionssendung über „Sexuelle Gewalt gegen Kinder“. Die Diskutierenden waren sich einig, dass dies erst 2010 zu einem öffentlichen Thema wurde. Keiner hatte auf dem Schirm, dass bereits in den 1980er-Jahren Bücher, große Zeitschriften und das Fernsehen ausführlich darüber berichteten. Die erste Aktivistinnen-Initiative wurde 1983 gegründet.

Ob ein Ereignis als erstmalig empfunden wird oder nicht, hat zuweilen erhebliche politische Folgen. Als 2021 die späte Reaktion auf das katastrophale Hochwasser im Ahrtal kritisiert wurde, behaupteten verantwortliche Politikerinnen und Politiker, es sei ein völlig überraschendes, noch nie dagewesenes, von der Klimaerwärmung ausgelöstes Ereignis gewesen. Doch es gab im Ahrtal immer wieder solche Katastrophen, unter anderem 1804 und 1910.

Anfang 2015 beherrschte das Thema Dieselmotoren die Schlagzeilen. Eine grüne Aktivistengruppe hatte publik gemacht, dass die Stickoxidwerte in den Abgasen höhere sind als erlaubt. Das war ein Skandal. Doch nur die wenigsten Medien klärten ihre Leserinnen und Zuschauer darüber auf, dass die Belastung der Luft mit Stickoxiden in Deutschland seit Jahren drastisch gesunken war. Im Gegenteil entstand bei vielen das Gefühl, als sei infolge des Skandals die Luft stärker belastet als je zuvor.

Nicht alle Gefahren sind gleich gefährlich

Ob Luftverschmutzung, Pestizidreste auf Gemüse, radioaktive Belastung von Pilzen: Gifte können Menschen töten oder krank machen, wenn man zu viel davon zu sich nimmt. Doch wieviel ist zu viel? Diese Frage wird in der Berichterstattung oftmals nicht beantwortet. „Was kann man überhaupt noch essen?“, fragen sich viele. Die Vermutung, dass alles irgendwie vergiftet sei, ist weit verbreitet. Kaum bekannt ist dagegen, dass die Überschreitung eines gesetzlichen Grenzwertes noch lange keinen gesundheitlichen Schaden hervorruft. Denn die Bestimmungen sind so angelegt, dass zwischen Grenzwert und tatsächlicher Gefahr eine weite Spanne liegt. Hilfreich für Leserinnen und Zuschauer wäre es, neue Risiken mit bekannten zu vergleichen. In der Debatte um das Herbizid Glyphosat wird nur selten erwähnt, dass diese Chemikalie im weltweiten Standard-Ranking für Giftigkeit niedriger rangiert als Kochsalz, Aspirin oder Theobromin (ein Bestandteil der Schokolade).

2018 ging die Meldung durch die Medien, dass bereits geringe Mengen Alkohol gefährlich seien. Zehn Gramm Alkohol pro Tag (etwa ein Viertelliter Bier) erhöhe die Gefahr alkoholbedingter Gesundheitsschäden um 0,5 Prozent. Die absoluten Zahlen waren weitaus weniger erschütternd. Von je 100.000 Personen, die keinerlei Alkohol tranken, hatten 914 im folgenden Jahr ein Gesundheitsproblem. Bei Personen, die zehn Gramm Alkohol täglich konsumierten, stieg diese Zahl auf 918. Siehe auch: Vorsicht Prozente!

Worte haben eine Meinung

Dass im politischen Wettbewerb um Worte und die Besetzung von Begriffen gestritten wird, ist eine Binsenweisheit. Wer „Entsorgungspark“ sagt, hat eine andere Agenda als einer, der von „Atommülldeponie“ spricht. „Finaler Rettungsschuss“ klingt wesentlich humaner als „Todesschuss“. Doch es sind nicht nur solche offensichtlich tendenzösen Wortschöpfungen, die man als Journalist meiden sollte. Auch scheinbar unpolitische Begriffe müssen sorgfältig gewählt werden, weil ein falsches Wort meist ein falsches Bild erzeugt. „Tierschutz“ wird häufig benutzt, wenn es um „Artenschutz“ geht, „Umweltschutz“ wird als Synonym für „Klimaschutz“ verwendet. Diese Begriffe klar zu differenzieren ist jedoch keine Marotte von Sprachpuristen. Sie stehen für unterschiedliche Kategorien, die manchmal sogar das Gegenteil bedeuten. Großen Schaden hat der schlampige Umgang mit der politischen Zuordnung „rechts“ angerichtet. Es ist üblich geworden, alles was nicht links oder grün ist, gleichermaßen „rechts“ zu nennen. Rechtextrem, rechtsradikal, rechtskonservativ oder rechtsliberal verschwinden aus der Sprache. Dadurch fehlt eine Kategorie, die im demokratischen Wettbewerb benötigt wird. Die Extremisten freuen sich.

Vorsicht Prozente!

Drei Haare auf dem Kopf sind relativ wenig, drei Haare in der Suppe relativ viel, lautet ein alter Witz. Dennoch hat im Journalismus die Unsitte um sich gegriffen, über relative Zahlen zu berichten, ohne gleichzeitig einen einordnenden Vergleich zu liefern. So las und hörte man über Jahrzehnte immer wieder vom sensationellen Wachstum beim Kauf von Bio-Produkten. In manchen Jahren lag der prozentuale Zuwachs im zweistelligen Bereich. Selten wurde dabei erwähnt, wie groß der Anteil von Bio am gesamten Lebensmittelumsatz ist. Der wuchs weitaus weniger rasant und lag 2021 bei 6,8 Prozent. Noch niedriger ist der Anteil beim Fleisch. 3,6 Prozent des in Deutschland verkauften Fleisches waren Bio (außer Geflügel, da waren es nur 2,6 Prozent). Der Anteil der Bio-Äcker an der landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands liegt bei 9,7 Prozent. Und somit weit entfernt von dem 20-Prozent-Ziel, dass das Landwirtschaftsministerium im Jahr 2001 verkündete und bis 2011 erreicht haben wollte. Eine Erfolgsstory sieht anders aus. Doch der Fokus auf das relative Wachstum beim Bio-Konsum suggeriert das Gegenteil.

Im November 2022 berichteten viele Medien, darunter die „Tageschau“, über eine Statistik zum Thema „Gewalttätige Ehemänner“. Zwei von drei Tatverdächtigen häuslicher Gewalt waren deutsche Staatsbürger, hieß es in den Meldungen. Es fehlte der Hinweis, dass nur etwa 15 Prozent der Menschen, die in Partnerschaften leben, Ausländer sind. Die Gewaltquote in diesem Bereich also deutlich höher liegt. Die meisten Leser und Zuschauer sind vermutlich von selbst auf diese Überlegung gekommen. Und haben sich dann gefragt, warum ihnen diese diese Information vorenthalten wird.

Wieviel sind viele?

„Einer ist ein Hype, zwei sind ein Trend und drei eine Bewegung.“ Ein ehemaliger „Stern“-Redakteur berichtete, dass er diesen Spruch in dem traditionsreichen Hamburger Haus oft gehört hat. Skepsis ist berechtigt, wenn keine Zahl genannt wird bei der Berichterstattung über Trends die angeblich „die Deutschen“, „die Jugend“, „die Frauen“ oder „uns alle“ erfasst haben. So kursieren völlig übertriebene Vorstellungen, wieviel Menschen in Deutschland sich derzeit vegan ernähren. Es sind 1,9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ähnlich beim Thema Trans-Menschen, das seit Jahren im Fokus der Medienöffentlichkeit steht. Laut Bundesamt für Justiz haben 2687 Personen (0,003 Prozent der Bevölkerung) im Jahr 2020 einer Änderungen ihres Passes nach dem Transsexuellengesetz beantragt.

Wie die Gesellschaft mit Trends und Bewegungen umgehen sollte, hängt nicht zuletzt von deren Größe ab. Wenn ein großer Teil der Bevölkerung etwas will, sollten Politiker und Medien sich damit befassen. Stellt eine kleine Sekte Forderungen auf, wäre es unangebracht tagtäglich darüber zu berichten. Beispielsweise ist völlig unklar viele Mitglieder und Unterstützer die Gruppe „Letzte Generation“ hat, die sich breiter Aufmerksamkeit erfreuen kann. Schätzungen gehen von einer Gefolgschaft im dreistelligen Bereich aus. Zweifelhaft ist auch, ob die Bewegung „Fridays for Future“, über die in den Jahren 2018 und 2019 unentwegt berichtet wurde, tatsächlich die Jugend repräsentierte, wie man immer wieder lesen konnte. Eine repräsentative Umfrage im Jahr 2021 brachte ans Licht: Lediglich 26 Prozent der Jugendlichen waren der Meinung, man müsse den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas aus Klimaschutzgründen reduzieren „Wir sollten uns hüten Fridays for Future auf die Jungend insgesamt hochzurechnen,“ stellte die Sozialforscherin Jutta Allmendiger fest. Ihre Untersuchungen zeigen, dass einzelne Jugendmilieus nicht als repräsentativ für ein ganze Generation angesehen werden können.

Prognosen sind keine Fakten

Was haben Börsennachrichten und Klimanachrichten gemeinsam? Sie befassen sich gern mit Erwartungen. Zu Weihnachten 2022 erschien in der „Welt“ ein typisches Beispiel aus dieser Kategorie. In einem langen Artikel wurde spekuliert, dass infolge der Klimaerwärmung die Elchpopulation Schwedens schrumpfen könnte. Wer den Text bis zum Schluss las, erfuhr, dass es momentan 240.000 bis 360.000 Elche in Schweden gibt, die Gefahr also nicht allzu akut ist. „Tuvalu versinkt im Meer!“ („Stern“ 19.11.2022). Mit Überschriften wie dieser wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder über die Atolle von Tuvalu und andere Südseeinseln berichtet. Nur wer solche Artikel konzentriert bis zu Ende liest, erfährt, dass die Präsensform in der Überschrift nicht so gemeint war. „Könnte möglicherweise versinken“ wäre die korrekte Ausdrucksform. In jüngster Vergangenheit sind die Inseln nämlich gewachsen. Wissenschaftliche Auswertungen von Luftaufnahmen ergaben im Jahr 2018, dass acht der neun Atolle Tuvalus an Landfläche zugelegt hatten, obwohl der Meeresspiegel steigt. Das gleiche gilt für drei Viertel der vermessenen Südseeinseln.

Seriöser Journalismus trennt zwischen faktischer Berichterstattung und Vorhersagen über die Zukunft. Das gilt nicht nur für das Schicksal von Elchen und Südseeinseln. Ob Kriminalität, Pandemie oder Armut: Gern wird munter prognostiziert. In der Regel nach dem einfachen Muster, dass der momentane Trend sich immer weiter fortsetzt. Typischerweise gehen journalistische Vorhersagen grundsätzlich von einer Verschlechterung aus. Wenn ein beklagenswerter Zustand sich bessert (beispielweise der deutliche Rückgang von Selbstmorden und tödlichen Verkehrsunfällen) wird es still um das Thema.

Es gibt immer mehr als ein Problem

Marxisten kennen die Einteilung gesellschaftlicher Probleme in Hauptwiderspruch und Nebenwiderspruch. Lange Zeit galt für Linke der Grundsatz, die Klassenfrage sei der Hauptwiderspruch. Wenn dieser durch die Machtergreifung der Arbeiterklasse gelöst sei, verschwänden die Nebenwidersprüche ganz von allein. Es war die Frauenbewegung, die mit diesem bornierten Geschichtsdeterminismus aufräumte. Frauen wollten sich nicht mehr damit abspeisen lassen, dass ihre Emanzipation bis zum Sieg im Klassenkampf zu warten habe.

Im 21. Jahrhundert rangiert das Klimathema vor allen anderen Problemen der Welt, die sich nach Meinung von Klimaaktivisten und Politikern hintenanstellen sollten. Leider wird diese Dringlichkeitshierarchie von vielen Journalisten übernommen.

Afrikanische Länder verlangen nach billiger Energie, um der Armut zu entkommen. Doch im Namen des Klimaschutzes wird ihnen der Zugriff auf fossile Energieträger erschwert und verteuert. Mühselig erkämpfte Standards des Umwelt- und Naturschutzes reißt man wieder ein. Wälder und intakte Naturgebiete werden zu Industrieparks umgewidmet, Artenschutz mit Sondergesetzen ausgehebelt. Unter welch unmenschlichen und umweltzerstörerischen Bedingungen die Rohstoffe für Windkraftanlagen, Solarpanelen, Biosprit und Biogas gewonnen werden, will niemand wissen.

Wer glaubt, die Erderwärmung würde zum Tode des Planeten führen, für den ist alles erlaubt. Journalisten sollten sich jedoch hüten, dieser Anschauung kritiklos zu folgen. Sondern gelegentlich auch die Frage stellen, welche Schäden der einseitige Fokus auf „Klimaschutz“ anrichtet.

Es gibt aus der Geschichte Beispiele dafür, wie der Kampf gegen eine echte oder auch vermeintliche Gefahr ins Unmenschliche abdriften kann. Der öffentliche Jubel war laut, als in den 70er- und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts DDT in vielen Ländern verboten wurde. Denn seit Erscheinen des Buches „Der stumme Frühling“ wusste man, dass wegen dieses Insektizids einige Vogelarten immer seltener wurden. Kaum thematisiert wurde dagegen der Nebeneffekt des Verbotes: In einige Ländern schnellte die Zahl der Malariatoten nach oben. Denn DDT war zuvor die wirksamste Waffe gegen die krankheitsübertragenden Mücken.

Behauptet ist nicht bewiesen (auch wenn’s die Guten sind)

Behauptet ein Firmenboss, seine Produkte seinen besser als alle anderen, reagieren die meisten Medien zurecht skeptisch. Denn es liegt nahe, dass der Mann nicht objektiv urteilt. Ganz anders wenn NGO-Vertreter eine Behauptung in die Welt setzen. Die wird häufig von Nachrichtenagenturen ungeprüft weitergereicht und von vielen Medien als faktisch übernommen. Kaum jemand fragt, ob zivilgesellschaftliche Organisationen nicht auch Interessen haben. Zum Beispiel das Interesse, das von ihnen bearbeitete Thema möglichst riesengroß und ungeheuer brisant darzustellen. Als NGO-Vertreterin kann man mit frei erfundenen Sachverhalten auftreten, ohne Gefahr zu laufen, nach dem Wahrheitsgehalt gefragt zu werden.

In der Deutschlandfunk Sendung „Agenda“ wurde im Dezember 2022 über die Aktionen der Aktivistengruppe „Letzte Generation“ debattiert. Einige Diskutanten kritisierten die Protestmethoden, andere nahmen sie in Schutz. Eine Vertreterin von „Letzte Generation“ behauptete immer wieder infolge der „Erderhitzung“ würden „Milliarden Menschen sterben“. Weder der Moderator noch die Talk-Gäste hielten es für nötig, einmal nachzufragen, welche Belege es für diese apokalyptische Prognose gibt. Die abenteuerliche Behauptung wurde als Fakt akzeptiert. Im November 2022 hatte eine Sprecherin von „Letzte Generation“ in der Talkshow „Lanz“ forsch behauptet, „Milliarden Menschen“ seien allein schon im Inselstaat Palau infolge des Klimawandels gestorben. Es ist verständlich, dass keiner der Mitdiskutanten auf Anhieb wusste, dass auf den 356 Inseln Palaus nur etwa 18.200 Menschen wohnen und sich des Lebens erfreuen. Unverständlich ist allerdings, dass diese offensichtlich absurde Behauptung (Milliarden!) unwidersprochen blieb.

Auch in der Auseinandersetzung um das nordrhein-westfälische Dörfchen Lützerath, das dem Braunkohletagebau weichen soll, wird das Narrativ der Aktivisten meist unkritisch übernommen. Ungesagt bleibt, dass die etwa sechzig ehemaligen Einwohner schon seit Langem, wegezogen sind, entschädigt wurden und anderswo neue Wohnhäuser und landwirtschaftliche Betriebe erhielten. Die „Einwohnerschaft“ somit ausschließlich aus zum Protestieren angereisten Aktivisten besteht.

Das ganze Bild, nicht das halbe

Das Thema „Fake News“ ist spätestens seit der Präsidentschaft Donald Trumps in aller Munde. Es mangelt nicht an Warnungen vor Falschbehauptungen, besonders solchen von Rechtspopulisten. Das ist auch nötig, denn die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass aus diesem politischen Milieu immer wieder versucht wird, mit dreisten Lügen die Öffentlichkeit zu täuschen.

Leider wird jedoch die einfachste, häufigste und beliebteste Methode der Nachrichtenmanipulation nur selten thematisiert: das Weglassen. Ein typisches Beispiel für diese Form der Verfälschung eines Gesamtbildes ereignete sich im September 2012. Das amerikanische „National Snow and Ice Data Center“ (NSIDC) gab damals bekannt, dass sich rund um den Südpol so viel Eis gebildet hatte wie noch nie seit Beginn der Messungen. Gleichzeitig vermeldete das Institut eine Rekord-Eisschmelze am Nordpol. Doch bis auf wenige Ausnahmen, berichteten deutsche Medien nur vom nördlichen Eisschwund und ließen die südliche Eisausdehnung weg. Das hätte die Leser und Zuschauer ja auf falsche Gedanken bringen können.

Auffällig ist auch die Diskrepanz zwischen der lautstarken Verkündung von Katastrophen und den kleinen, kaum auffindbaren Meldungen, wenn sich herausstellt, dass das jeweilige Ereignis doch nicht so katastrophal war. Das australische Great Barrier Reef wurde vor einem Jahrzehnt totgesagt. Überall konnte man lesen und hören, die Erwärmung des Meerwassers führe zu einer nicht reversiblen Korallenbleiche. Das ganze riesige Riff werde absterben. 2022 stellten Meeresforscher fest, dass zwei Drittel des Gebietes den stärksten Korallenbewuchs seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1985 aufweisen. Die Berichterstattung darüber fiel wesentlich dezenter aus, als die lautstarken Abgesänge auf das Riff, die jahrelang ertönten.

Ebenso einseitig ist oftmals die Bildauswahl mancher Redaktionen. In der Flüchtlingskrise 2015 bemerkten viele Mediennutzer eine auffallende Diskrepanz zwischen den Bildern in den Zeitungen und im Fernsehen und der Anschauung vor Ort. Während in den Medien vornehmlich Mütter mit Kindern gezeigt wurden, stiegen aus den Flüchtlingszügen fast nur junge Männer aus. Auch dies ließ die anfangs gastfreundliche Stimmung vielerorts kippen.