Nikolai Epplée: Die unbequeme Vergangenheit

Mein Buch des Jahres

Von Michael Miersch

Was tun, wenn der Keller voller Leichen ist? Der russische Kulturwissenschaftler Nikolai Epplée hat sich angesehen, wie verschiedene Nationen mit ihrer mörderischen Vergangenheit umgehen. Für Russland stellt er die Diagnose, solange der Stalinismus vernebelt oder gar gerechtfertigt wird, wird es keine Frei-heit geben. Für mich das wichtigste Buch des Jahres 2023

„Schuldkult“ nennen Manche den Umgang der Bundesrepublik mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Es müsse mal genug sein mit dem Wühlen im Nazidreck. Öffentlich sagen es nur Neonazis, angebräunte AfD-Kameraden, woke „Postkolonialisten“ und Palästina-Aktivsten. Doch abseits von Kameras und Mikrofonen kann man solches Räsonieren häufig hören – auch von eher unpolitischen Zeitgenossen, die nichts Böses im Schilde führen. Vom Schlussstrich unter der Vergangenheit erwarten sie sich mehr Gemeinschaftssinn und einen gesunden Patriotismus.

Niemand hat diesen Irrtum bisher so profund widerlegt, wie der russische Kulturwissenschaftler Nikolai Epplée in seinem Buch „Die unbequeme Vergangenheit -Vom Umgang mit Staatsverbrechen in Russland und anderswo“. Er behauptet nicht nur, dass eine Schlussstrichpolitik unfrei macht – er weist es nach. Zu diesem Zweck verglich er sechs Demokratien, die gemeinsam haben, dass sie sich nach Zeiten schwerster Menschenrechtsverletzungen etablierten. Alle sechs standen vor dem Problem, dass ein Teil der Bevölkerung sich an den Untaten aktiv beteiligt hatte, ein anderer Teil Opfer der Staatsverbrechen geworden war und der dritte und größte Teil tatenlos zugeschaut hatte, wie Mitbürger unterdrückt, verfolgt und ermordet wurden.

Epplées Beispielländer sind Spanien und sein Umgang mit Bürgerkrieg und Franco-Diktatur; Argentiniens Aufarbeitung der Militärjunta-Zeit; Polens Erinnerungspolitik an den Stalinismus und an die Fälle von Polen, die den deutschen Besatzern bei der Judenverfolgung halfen; Südafrika und seine Wahrheitskommission, die nach der Apartheit Versöhnung bringen sollte; Japans widersprüchliche und kontroverse Erinnerung an die brutale Kolonisierung asiatischer Nachbarstaaten; der Umgang mit Sklaverei und Rassendiskriminierung in den USA – und natürlich Deutschland.

Das Resümee der Vergleichsstudie ist eindeutig. Wer glaubt, man könne über einem Keller voller Leichen einfach die Tür verschließen und optimistisch in die Zukunft blicken, irrt gewaltig. Der Geruch zieht durch die Ritzen. Wie in einer Familie die Kinder spüren, wenn die Eltern etwas zu verbergen haben, so lastet der Fluch des Verbrechens auch auf Gesellschaften über Generationen hinweg. Nur wenn die dunkle Vergangenheit ausgeleuchtet wird, besteht die Chance, sich von ihr zu befreien. Dafür müssen alle Fakten offengelegt und die Überlebenden des Staatsterrors gehört werden. Falls es noch Überlebende gibt.

Die sechs Länder gingen sehr unterschiedliche Wege. In den meisten wurde erst Jahrzehnte nach den Verbrechen darüber gesprochen. Der Aufbau der Demokratie erfolgte wie unter einem Schweigegelübde. In Spanien war dies sogar eine offizielle, parteiübergreifende Vereinbarung, um einen friedlichen Übergang zu ermöglichen. Auch die Verurteilung der Täter verlief sehr unterschiedlich: Von der umfassenden Strafverfolgung in Argentinien bis zur Gnade für Staatsverbrecher in Japan.

Es wundert nicht, dass ein Autor wie Epplée, der Putins Geschichtslügen und imperiale Legenden vor Augen hat, für Deutschlands Umgang mit dem Nationalsozialismus mehr Lob als Kritik findet. Wie schwer es Menschen wie Fritz Bauer hatten, die Täter vor Gericht zu bringen, weiß und schildert er ebenso, wie das zwanzig Jahre währende Schweigen über den Völkermord an den Juden Europas. Ein wenig unkritisch reproduziert er die Erzählung von den Achtundsechzigern, die angeblich massenhaft ihre Väter zur Rede gestellt hätten. Historiker wie Wolfgang Kraushaar, Gerd Koenen und Götz Aly haben nachgewiesen, dass dies ein Mythos ist, mit dem sich die Generation der Nazisöhne und -töchter selbst beweihräuchert. Aber dies ist ein Detail in einem großen Panorama über den schwierigen Umgang mit Staatsverbrechen in aller Welt. Als das Buch in Deutschland herauskam, konnte Epplée noch nicht wissen, dass ein paar Monate später der Antisemitismus so offen auftreten wird, wie lange nicht mehr. „Postkolonial“ indoktrinierte Jungakademiker marschierten gemeinsam mit muslimischen Migranten und Neudeutschen, die das schlimmste Pogrom seit 1945 feierten.

Die Analyse der sechs Demokratien mit unbequemer Vergangenheit bildet den zweiten Teil von Epplées Buch. Die ersten 134 Seiten behandeln die Geschichtspolitik der sowjetischen und später russischen Regierungen seit Chruschtschows halbherziger Entstalinisierung 1956. Wie die Geschichte des Massenterrors immer wieder uminterpretiert, verheimlicht und verdreht wurde, um die jeweils angesagte Politik zu rechtfertigen. Ganz so wie es George Orwell in „1984“ formulierte: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Putins Herrschaft währt nun bereits ein Vierteljahrhundert und damit nahezu so lange wie die Diktatur Stalins. In dieser Zeit hat er seine Vergangenheitspolitik immer wieder neu justiert. Anfänglich tolerierte er die Suche nach der Wahrheit, die unter Gorbatschow möglich geworden war. Dann schwenkte er zu einem Kurs, den man „poststrukturalistisch“ nennen könnte. Verschiedene „Narrative“ wurden als gleichwertig nebeneinandergestellt, die Rechtfertigungen der Täter neben die historischen Fakten, die als „Narrativ“ der Opfer abgewertet wurde. Damit ebnete der KGB-Zögling den Weg zur neostalinistischen Geschichtsklitterung. Für Epplée ist sie das ideologische Fundament für Putins imperiale und koloniale Politik. Das heute verordnete Geschichtsbild, das in den Schulen gelehrt und den Staatsmedien verbreitet wird, lässt sich auf einen einfachen Punkt bringen: Alle Zaren, die das Territorium Russlands vergrößerten, waren gut, alle unter denen es schrumpfte, waren schlecht. Gleiches gilt für die sowjetische Epoche: Stalin gut, Lenin und Trotzki schlecht, Gorbatschow ganz schlecht. Seit ein paar Jahren steht es wieder unter Strafe, der glänzenden großrussischen Siegeserzählung zu widersprechen, indem man zum Beispiel den Hitler-Stalin-Pakt erwähnt.

Auch wenn Putin stirbt oder gestürzt wird, argumentiert Epplée, wird es kein freies und friedliches Russland geben, solange man die Schrecken der Vergangenheit tabuisiert und das Sprechen darüber als unpatriotisch denunziert. Doch der Leser wird mit dieser pessimistischen Aussicht nicht entlassen. Denn – das ist die frohe Botschaft des Buches – es gibt in Russland mehr Zivilgesellschaft, als nach außen sichtbar wird. Trotz des Verbotes der Organisation „Memorial“ wächst die Zahl der Bürgerinitiativen und Privatpersonen, die sich nicht mit dem offiziellen Geschichtsbild abspeisen lassen wollen. In den Familien wird mehr über die unbequeme Vergangenheit gesprochen. Was in Russland schwieriger ist als anderswo, da sehr viele Menschen sowohl Nachfahren von Tätern als auch von Opfern in der Verwandtschaft haben. Jüngere Leute interessieren sich zunehmend für die ungeschönten Fakten. Ein Beleg für diesen optimistischen Ausblick ist der Erfolg von Epplées Buch. Überraschenderweise durfte es 2020 in Russland erscheinen, also vor der jüngsten Zensurwelle, die mit dem Angriff auf die Ukraine einsetzte – und wurde zum Bestseller. Möglicherweise bekommt Putins Imperialismus ja Risse in seinem geschichtspolitischen Fundament. Für Deutschland wünsche ich mir, dass das Buch von vielen gelesen wird, die glauben, es sei besser für eine Nation über die Verbrechen der Vorfahren zu schweigen oder sie zum „Vogelschiss“ zu erklären.

Hier noch ein Deutschlandfunk-Interview mit Marko Martin zu dem Buch:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/buchkritik-die-unbequeme-vergangenheit-von-nikolai-eppl-e-dlf-kultur-7238b354-100.html

 

Nikolai Epplée

Die unbequeme Vergangenheit

Vom Umgang mit Staatsverbrechen in Russland und anderswo

Aus dem Russischen von Anselm Bühling

Suhrkamp, Berlin 2023

199 Seiten