Mierschs Zwischenrufe

2019 verabschiedete ich mich von Facebook, 2020 von Twitter. Nach zehn Jahren in den Social Media hatte ich den Eindruck, dass man dort kaum noch Originelles, Überraschendes oder geistig Anregendes findet – stattdessen endlose Wiederholungen altbekannter Gesinnungsplattitüden. Weil ich die kurze Form aber mag, finden Sie hier meine Randbemerkungen über Aktuelles und Zeitloses, Wichtiges und Marginales.

Datenschutz in Deutschland

Vor einiger Zeit wurde mir bei der Aufnahme in ein Krankenhaus ein Formular vorgelegt, dass ich dem Krankenhaus gestatte, den Befund meiner Hausärztin mitzuteilen. Auf meine verwunderte Nachfrage erfuhr ich, dass das Krankenhaus nicht ohne meine ausdrückliche Einwilligung mit meiner Hausärztin kommunizieren darf – aus Datenschutzgründen. Damals hielt ich das für den Gipfel des der deutschen Datenschutzirrsinns.

Jetzt weiß ich, es geht noch verrückter.

Als ich meinen Gaszählerstand der Firma Vattenfall per E-Mail übermittelte (an die einzige Vattenfall-E-Mail-Adresse, die im Netz zu finden ist), erhielt ich folgende automatische Antwort:

„Wir bitten um Verständnis, dass aufgrund der geltenden Vorschriften der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) eine Weiterleitung Ihres Serviceanliegens zwischen den verschiedenen Unternehmenseinheiten von Vattenfall nicht stattfinden kann.“

Meine Prognosen für 2024

Der Jahreswechsel ist die Zeit der Prognosen. Wahrsagerinnen, Zukunftsforscher und Klimapropheten haben Konjunktur. Da will ich nicht abseitsstehen. Hier meine Vorhersagen für 2024…

  • Nach dem Abzug aller russischen Truppen aus der Ukraine gibt Putin im Kreml sein Coming Out bekannt. Die Hochzeit mit Björn Höcke findet in der Basilius Kathedrale nach orthodoxem Ritus statt.
  • Björn erkrankt an Heimweh, worauf ihm Wladimir verspricht, Thüringen zu annektieren. Da dies kurz vor den Wahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg geschieht, verfehlt die AfD in allen drei Bundesländern die 5 Prozenthürde. Björn ist sauer. Wladimir verwirft seinen Annexionsplan.
  • Der Erzengel Dschibril erscheint gleichzeitig in Gaza und auf der Sonnenallee in Neukölln und verkündet, dass Allah Jude ist. Daraufhin bricht zunächst große Verwirrung, dann Frieden im Nahen Osten aus.
  • In Biblis erklärt Robert Habeck die Wiederinbetriebnahme deutscher Atomkraftwerke und den Bau von fünf neuen Öko-Kernkraftwerken.
  • Die Grundwertekommission der SPD findet heraus, dass das „S“ in SPD für sozialdemokratisch steht, und dass es bereits eine andere Partei gibt, die die Interessen grüner Klientel vertritt. Ein Parteitag soll darüber beraten, was dies für die SPD bedeutet.
  • Greta Thunberg und Luisa Neubauer kleben sich in Reykjavik fest. Doch dort interessiert sich niemand dafür und so sitzen sie tagelang in der Kälte. Dabei zerstreiten sich die beiden über die Frage, ob die Juden schuld an der Klimaerwärmung sind.
  • Deutschrapper Kollegah gibt bekannt, dass er künftig als Frau gelesen werden will. Da die Mehrheit seiner Fans nicht lesen kann, kriegt es aber kaum jemand mit.
  • Die Präsidentschaftswahl in den USA gewinnt Sarah Silverman.

…oder bin ich zu optimistisch?

Wokeness vor 100 Jahren

Nicht erst seit gestern empören sich sensible Menschen über Kulturelle Aneignung (cultural appropriation). Dieses Plakat entdeckte ich in der Ausstellung „Goldene 20er? Die Weimarer Republik in der Provinz“ im Museum Fürstenfeldbruck.

Lesung „Einmal Freiheit und zurück“ auf YouTube

Villa Lessing, Saarbrücken, am 19.10.2023

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Gut gesagt (15)

“Das Totalitäre kommt allmählich, Politik geschieht allmählich und nie plötzlich, und darum ist sie auch so schwer zu fassen, weil das Wesen nicht in jedem Moment sichtbar ist. Die Aufmerksamkeit dafür ist eine Strecke und nicht ein Punkt. Ich habe Angst, dass das Wissen darum schwindet. Auch in den liberalen Gesellschaften muss man sich bewusst sein, dass Demokratie nicht an und für sich und automatisch existiert. Sondern, dass jede Generation etwas neu dafür tun muss und auf ihre Weise und wahrscheinlich immer etwas anderes.”

Herta Müller

Augen zu und durch

Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk bemühen jetzt Politikwissenschaftler, die die wachsende Zustimmung zur AfD damit erklären, dass die Medien zu viel über Probleme mit Migranten berichten. Sie sind der Meinung, die AfD würde schrumpfen, wenn man über Verbrechen von Einwanderern schweigt. Es scheint für sie nebensächlich zu sein, dass der hohe Anteil junger Männer aus muslimischen Ländern bei Gewalttaten längst statistisch erwiesen ist, es sich bei Berichten also nicht um aufgebauschte Einzelfälle handelt. Originellerweise übernehmen diese Expertinnen und Experten damit eine typische AfD-These: Die Medien sind an Allem schuld! Nur in umgekehrter Form, denn aus Sicht von Weidel und Co. werde zu wenig über migrantische Kriminalität berichtet.

Vor noch nicht allzu langer Zeit war es typisch rechts, unangenehme Wahrheiten auszublenden. In Nachkriegsjahren und noch lange danach wurde über die Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus eisern geschwiegen. Auch Probleme wie Männergewalt gegen Frauen und Kinder in Familien wurden von Rechten und Konservativen tabuisiert. Jetzt sind es die Woken und ihre akademischen Sympathisanten, die über Mord, Totschlag und Vergewaltigung nicht sprechen wollen. Vermutlich ist gerade dies der beste Dünger für die AfD.

Zur Erinnerung zwei Zitate linker Leitfiguren: „Alle politische Kleingeisterei besteht im Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist,“ schrieb Ferdinand Lassalle. Und von Rosa Luxemburg stammt der berühmte Satz: „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“

Wenn aus Werbesprüchen Wahrheit spricht…

„Nachhaltig ist das neue Profitabel.“

Aktueller Reklamespruch der Firma PricewaterhouseCoopers GmbH

Experten für Sündhaftes

Gerade lief im RBB-Radio eine Sendung über die Zukunft der Fleischproduktion. Gleich zu Anfang erklärten beide Moderatoren, sie seien Vegetarier. Wie in früheren Zeiten, als die Pfarrer noch glaubten, ihre Meinung zur Sexualität sei gefragt.

Mitgehört in einer Berliner Apotheke

Die Apothekerin scannt den Barcode auf der Globuli-Packungen einer Kundin. Diese beschwert sich, dass das Scannen die Wirkung der Homöopathie beeinträchtige. Die Apothekerin wiegelt ab: „Die Packungen wurden beim Transport gescannt und auch schon in der Herstellerfirma.“ Missmutig murmelnd nimmt die Dame ihren nun dreifach gescannten Globuli entgegen.

Mitgehört in der Moabiter Markthalle

Zwei Herren in der Mittagspause. Sie unterhalten sich über den hohen Krankenstand in der Berliner Verwaltung und entwickeln einen Lösungsvorschlag: „Es müsste Prämien geben für alle, die nicht krank sind.“ Es klang nicht ironisch.

Mitgehört am Brandenburger Tor

Spanische Touristen-Familie, Vater, Mutter zwei Kinder. Papa ist im besten Mansplaining-Modus und erklärt die Umgebung: „Das ist die Amerikanische Botschaft“. Kind zeigt auf das Adlon: „Und was ist das für ein Haus?“ Vater erblickt auf dem Dach des Adlon die Fahne mit dem Berliner Bären. „Das ist die Kanadische Botschaft.“

Gelungene Integration

Ab welchem Alter ist es Kindern zuzumuten, selbstständig zu laufen? Seit ein paar Jahren sehe ich häufig Eltern, die Kindergartenkinder oder sogar Schulkinder im Wägelchen durchs Leben schieben. Interessanterweise ist der Trend, dem Nachwuchs die Benutzung der eigenen Beine zu ersparen, nicht auf biodeutsche Mittelschichtseltern beschränkt, die ohnehin in dem Ruf stehen, als Allround-Servicekraft für die hochbegabten Sprösslinge zu wirken. Auch Migranten machen mit. Nicht selten begegnen mir Mütter und Väter offenbar arabischer, afrikanischer, ukrainischer oder türkischer Herkunft, die ihre Fünf-, Sechs- oder Siebenjährigen wie Babys transportieren. Allerdings ist die nächsthöhere Steigerung des Sitzendtransports noch nicht in den migrantischen Milieus angekommen. Cargo-Bikes blieben bisher noch eine biodeutsche Sitte.

Eine Statistik, die jeder kennen sollte

Beim Thema „Naturkatastrophen als Folge des Klimawandels“ wird die wichtigste Information meist verschwiegen: Immer weniger Menschen sterben in Folge solcher Katastrophen. Ohne Kenntnis dieser einfachen Tatsache gibt es keine vernünftige Debatte über Klimapolitik.

Die Grafik stamm von der nützlichen Website Our World in Data. Ich fand sie im stets lesenswerten Newsletter von Axel Bojanowski.

 

Rückenwind für die AfD

Die AfD hat keine vernünftigen Antworten auf die großen Fragen des Herbstes 2022, kann man überall hören und lesen. Das stimmt. Aber sie ist die einzige im Bundestag vertretene Partei, die beim Namen nennt, was die anderen verschweigen oder beschönigen. Gäbe es nicht dieses Bemänteln der Probleme bei Einwanderung, Integration und der vermurksten Energiewende würde die AfD nur eine kleine, rechtsradikale Minderheit anlocken. So bleibt es ausgerechnet einem Sammelbecken faschistischer Vollpfosten überlassen, das auszusprechen, was alle sehen können, wenn sie nicht die Augen davor verschließen. Wer kritische Berichterstattung zu den heiklen Themen sucht, findet in Radio, Fernsehen und in den meisten Zeitungen die gleichen wattigen Phrasen wie bei den Altparteien. Statt Analyse und Kritik gibt es die tausendste Sendung und den zehntausendsten Artikel mit gruseligen Vorhersagen über die zu erwartenden Folgen des Klimawandels.

Aussprechen was ist, das war einst Kennzeichen kritischer Linker. Jetzt befassen sich links Fühlende mit Sprachgeschwurbel und dem Schönreden einer unangenehmer werdenden Realität.

Zur geistigen Verwirrung der Linken gibt es hier eine kleine Glosse.

Geflüchtete

Man liest und hört kaum mehr von Flüchtlingen. Stattdessen ist von Geflüchteten die Rede. Denn aufmerksame Sprachreiniger haben festgestellt, dass die Wortendungen „ling“ oder „linge“ abwertend seien und daher getilgt werden sollten. Passen Sie also auf, wenn Sie Ihrem Liebling im Frühling einen Schmetterling zeigen, dass der Häuptling der Sprachwächter dies nicht hört. Sonst ist ihr guter Ruf keinen Pfifferling mehr wert.

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Nazi

Für identitäre Linke ist jeder ein Nazi, dessen Meinung vom Katechismus für woke Intersektionalität abweicht. Für AfD-Anhänger sind Nazis unerklärliche historische Einzelfälle aus dunkler Vergangenheit, mit denen man als Neurechter nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat.

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Kartoffel

Mal abfällig, mal freundlich-ironischer Begriff für Deutsche ohne Migrationshintergrund. Wobei man sich fragt, ob die Knollenfrucht als Symbol glücklich gewählt wurde. Denn schließlich hat sie selbst Migrationshintergrund und kam aus Amerika über Spanien und die Niederlande nach Deutschland. Damals ohne Risikoanalyse. Die Vorbehalte der kartoffelskeptischen Bauern erinnern an die heutigen Ressentiments gegen Pflanzengentechnik.

Schließlich haben die Fürsten die Ami-Knolle gegen den bäuerischen Widerstand durchgesetzt, und sie wurde ein beliebtes Nahrungsmittel. Heute kennt man sie auf der ganzen Welt. Deutschland nimmt einen bescheidenen sechsten Platz unter den Kartoffelnationen ein. Nummer eins ist China gefolgt von Indien. Mehr Migrationshintergrund geht kaum.

Gerade dies prädestiniert die Kartoffel als Charakterisierung der Deutschen. Denn die alteingesessene Bevölkerung zwischen Flensburg und Berchtesgaden stammt größtenteils nicht von germanischen Stämmen ab, sondern hat migrantische Wurzeln. Kaum ein Volk der Erde ist so bunt gemischt. Völkerwanderung, Eroberun, Besatzung (von den Römern bis zur Roten Armee), Vertreibung und immer wieder Kriegesorgten dafür, dass nur noch die wenigsten Bewohner der Mitte Europas Abkömmlinge von Teutonen, Kimbern, Cheruskern  sind. So betrachtet sind die Deutschen tatsächlich die Kartoffeln unter den Völkern.

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Globaler Süden

Früher sprach man von Dritter Welt, von Entwicklungs- oder Schwellenländern. Die Kriterien dafür waren nicht immer ganz klar, aber eindeutig ökonomischer Natur. In woken, postkolonialen Kreisen benutzt man mittlerweile lieber die Bezeichnung „Globaler Süden‘“, wo angeblich Mitmenschlichkeit und Naturverbundenheit zuhause sind. Die Generaldirektorin der Documenta 15 betonte, auf der Kasseler Kunstschau die Perspektive des „Globalen Südens“ zu präsentieren. Wer gehört zu diesem „Globalen Süden“ und warum? Die südliche Lage auf dem Globus spielt offenbar keine Rolle, sonst würden Australien und Neuseeland dabei sein. Nimmt man als Kriterium, dass alle Nationen darunterfallen, die unter Kolonialismus gelitten haben, fällt auf, dass einige fehlen. Denn Länder wie Polen sind nicht mitgemeint, obwohl sie vom Deutschen Reich auf brutalste Weise kolonisiert und ausgebeutet wurden. Legt man Armut als Kriterium an, funktioniert der Sammelbegriff ebenfalls nicht. Denn manche arabischen Staaten werden zum „Globalen Süden“ gezählt, obwohl sie reicher sind als viele Länder des Nordens, die angeblich zu den Ausbeutern gehören. Als einzige Gemeinsamkeit bleibt nur die Hautfarbe übrig, um den „Globalen Süden“ zu definieren. So wie die Bezeichnung heute benutzt wird, gehören alle dazu, die afrikanisch, lateinamerikanisch, süd- oder ostasiatisch aussehen. Ein Begriff aus der Küche des woken Antirassismus.

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Letzte Generation

„Aber viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein,“ heißt es bei Matthäus. Der Satz zählt zu den bekanntesten aus der Bibel und wurde zum Sprichwort. Vielleicht wollen deshalb viele so gern zu den Letzten gehören. In Deutschland und Österreich machte 2022 eine Aktivistengruppe namens „Aufstand der letzten Generation“ von sich reden, die glaubt, die Welt vor dem Untergang retten zu müssen. Zu diesem Zweck protestierten Mitglieder nicht nur indem sie aufhörten zu essen: Sie setzten sich auf viel befahrene Straßen und klebten ihre Hände dort mit Sekundenkleber fest. Womit sie trotz ihrer geringen Zahl das Interesse der großen Medien auf sich zogen. Die klimasündigen Autofahrer warteten geduldig, bis die Polizei die Demonstranten mit Lösungsmitteln vom Asphalt getrennt hatte.

Letzter in der dreihunderttausendjährigen Geschichte des Homo sapiens zu sein, hat einen gewissen Kick. Schließlich kennt man bis heute die Namen Adam und Eva, mit denen nach jüdischer Überlieferung die Menschheit ihren Anfang nahm. Doch sollte man die Bewerber auf den letzten Platz in der Menschheitsgeschichte vor zwei Risiken warnen. Tritt ihre Prophezeiung ein, werden nur sie selbst von ihrer überragenden Bedeutung wissen. Denn nach ihnen kommt niemand mehr.

Zweitens ist die Chance, dass der Weltuntergang tatsächlich jetzt stattfindet, nicht sonderlich hoch. Die Sekundenkleber sind eine nur vorläufig „letzte Generation“, die von der nächsten abgelöst wird.

Auch die Christen waren hin und wieder davon überzeugt, die Letzten zu sein. Zum Beispiel 999, als Papst Sylvester II den Weltuntergang verkündete. Dass der ausblieb, erklärte das Kirchoberhaupt mit seinen erfolgreichen Gebeten. Laut Luther sollte die Welt 1532 untergehen. Dann erprobte er erfolglos zwei weitere Termine. Der Gründer der Zeugen Jehovas Charles T. Russel und seine Nachfolger legten sich viermal auf das Jahr des Weltendes fest.

Es gilt der gute Rat des polnischen Lyrikers Stanisław Jerzy Lec (1909-1966): „Erwartet euch nicht zu viel vom Weltuntergang.“

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Was ist eigentlich Identität?

„Menschen konstruieren ihre Identität, indem sie ihre eigene Erfahrung in ein Repertoire etablierter Narrative einordnen.“

Diese treffende Definition stammt von der Soziologin Margaret Somers. Gefunden in Rebecca Cliffords Buch „Ich gehörte nirgendwo hin – Kinderleben nach dem Holocaust“ (Suhrkamp 2022)

Eine, die immer da war

Aus gegebenen Anlass: Die Maxeier-Miersch-Kolumne aus der  WELT vom 20. Juni 2013

In der ersten Halbzeit des Jahres 2013 haben uns zwei Begebenheiten besonders beeindruckt: Die Abdankung von Benedikt XVI, die uns daran erinnerte, dass wir nunmehr schon sieben Päpste lang auf der Welt sind. Und das 60. Krönungsjubiläum von Queen Elizabeth II, die – so dachten wir – das einzig verbliebene Staatsoberhaupt sei, welches seit unserer Geburt regiert. Allerdings hatten wir in diesem Moment Rama IX von Thailand vergessen, auch als König Bhumibol bekannt, der bereits seit 1946 im Amt ist.

Man gewöhnt sich an langjährige Staatsmänner und -frauen wie an Wegmarken beim Reisen. Die wenigsten denken über sie nach, dennoch geben sie unbewusste Orientierung, weil sie einfach immer da sind. Angenehmerweise stehen sie jedes Mal, wenn man vorbeikommt, stets an derselben Stelle. Wenn man diese Funktion dann auch noch mit einem Maximum an Dezenz ausfüllt wie die Queen, dann ruft schon der bloße Anblick wohlige Zufriedenheit und ein Gefühl der Sicherheit hervor. Ach ja, die Queen, die ist ja auch noch da – wie schön.

Es gab in der neueren Geschichte noch ein paar andere Dauermachthaber, von denen man glaubte, sie würden niemals verschwinden. Doch die waren aus einem völlig anderen Holz: Gewaltmenschen wie Gaddafi, Mobutu oder Castro, die nur durch permanente Einschüchterung ihrer Untertanen die geraubte Macht in die Länge zogen. Oder geniale Wendehälse wie der ewige Anastas Mikojan, der als einziger sowjetischer Parteibonze ein unglaubliches Kunststück schaffte: Er überlebte von Lenin bis Breschnew und hatte dabei immer irgendeinen Ministerposten.

Verdrossen blicken die Völker auf die zähe Kontinuität solcher Gestalten und hoffen auf ihr Ableben. Für freiheitsliebende Menschen gibt es kaum etwas Frustrierenderes als Dauerdiktatoren, die komfortabel im Bett sterben und ihrer gerechten Strafe entgehen. Wie angenehm hebt sich die Queen von solchen machtbesessenen Ehrgeizlingen ab. In aller Bescheidenheit beschränkt sie sich darauf, das britische Volk und die älteste Demokratie der Welt zu repräsentieren. Sie dient Labour ebenso loyal wie den Tories und begnügt sich damit, eine Projektionsfläche für jedermann zu sein, ohne dabei selbst blass zu wirken.

Wir hoffen von Herzen, dass sie noch lange durchhält. Schon damit dieser grüne Esoteriker vom Thron ferngehalten wird.

Wortverschiebungen

Politik, die sich auf ethnische Herkunft beruft.

Früher: Völkisch. Heute: Identitär

 

Mann, der sich als Frau verkleidet.

Früher: Transvestit. Heute: Frau.

 

Menschen weiblichen Geschlechts.

Früher: Frauen. Heute: Menstruierende Personen.

 

Sehr heiße Tage im Juli und August:

Früher: Hochsommer. Heute: Hitzefront.

 

Diffamierung von Juden.

Früher: Antisemitische Hetze. Heute: Postkolonialer Diskurs.

 

Zensur zum Schutz der Jungend.

Früher: Bevormundung. Heute: Safe Space.

 

Vermischung künstlerischer Stilformen.

Früher: Crossover. Heute: Kulturelle Aneignung.

 

Missbilligung von Bigotterie und religiösem Fanatismus.

Früher: Religionskritik. Heute: Antimuslimischer Rassismus.

Insektensterben durch Bio-Pflanzenschutz

„Die heimischen Marienkäferarten wurden mehr und mehr zurückgedrängt,“ berichtet der Austrian Science Fund. Schuld sind nicht synthetische Pestizide sondern Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis), die zu biologischen Schädlingsbekämpfung nach Europa eingeführt wurden. Sie begnügten sich nicht damit in Gewächshäusern und auf Obstplantagen Blattläuse zu futtern, sondern breiteten sich rasant in alle Richtungen aus. Mittlerweile sind sie die häufigste Art in unseren Breiten.

ALDI-Aktivismus

Kapitalismus bedeutet Opportunismus als Wirtschafsprinzip. Kein anderes Wirtschaftssystem der Geschichte funktionierte so gut und befreite so viele Menschen aus der Armut. Wie ein Chamäleon wechselt der Kapitalismus die Farbe, um sich jeder politischen Wende geschmeidig anzupassen. Jeden Zeitgeist weiß er zu vermarkten und für jede kulturelle Strömung die passenden Produkte zu liefern. ALDI ist schon eine ganze Weile auf den Anti-Gentechnik-Zug aufgesprungen und verspricht jetzt seinen Kundinnen und Kunden, bis 2030 keine Lebensmittel mehr anzubieten, die von Tieren stammen, die gentechnisch optimiertes Futter bekamen. Bei den meisten nicht-tierischen Produkten wurde Gentechnik ohnehin schon aussortiert. „Bei ALDI Nord stehen die Bedürfnisse der Kunden stets im Mittelpunkt. Und wir nehmen ihre Bedenken gegenüber Gentechnik ernst,“ erklärt der Handelskonzern. Sieg auf der ganzen Linie für die Angstmacher. Dass so gut wie alle Fachwissenschaftler die Furcht für völlig unbegründet halten, interessiert in diesem Fall nicht. In Deutschland ist es normal, sich mit gentechnisch erzeugten Impfstoffen zu schützen, gentechnisch erzeugte Medikamente einzunehmen, z.B. Insulin bei Diabetes (150 Gentechnik-Arzneien sind auf dem Markt). Doch eine Bratwurst von einem Schwein, das gentechnisch optimierte Soja fraß, ist für viele der blanke Horror. ALDI rette uns!

Vattenfall rettet das Klima mit Gemüse

Der schwedische Energiekonzern hat der Klimaerwärmung den Kampf angesagt. Jetzt auch in der Betriebskantine. Zitat aus einer Pressemeldung: „Was uns als Vattenfall motiviert… sind vor allem die inneren Werte der veganen Ernährung – die positiven Effekte. … Dazu gehört natürlich die gesunde Kost, aber beispielsweise auch der geringere Ausstoß an Treibhausgas, der damit einhergeht. Allein 25 Prozent an CO2– Equivalent fallen für unsere Ernährung an.“ So schließt sich der Kreis. Landwirte bauen Energiemais an oder stellen ihr Ackerland Windkraftbetreibern zur Verfügung, um die Pacht zu kassieren. Und die Windkraftbetreiber kümmern sich nun um die klimakorrekte Ernährung

„Bollwerke der Demokratie“

In der WELT hat Philipp Welte einen Gastkommentar abgeliefert. Welte ist Vorstand der Hubert Burda Media und Vizepräsident des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Er baute seine Karriere bei Burda auf Massenentlassungen von Journalistinnen und Journalisten, auf Sparprogramme und die Einführung pseudo-glamouröser Blättchen, die sich bemühen, junge Frauen für dumm zu verkaufen. In hausinternen Rundschreiben von Welte kamen Worte wie „Journalismus“ oder „journalistische Inhalte“ nicht vor. Stattdessen war von „Produkten“ die Rede und ihrer möglichst kostengünstigen Vermarktung. Schleichwerbung eingeschlossen. Im Hause Burda genießt Welte den Ruf eines komplett rücksichtlosen, antisozialen Karrieristen und trägt schon lange den Spitznamen „Fürst der Finsternis“. Dieser Mensch tritt jetzt als Retter des seriösen Journalismus auf die Bühne, der die hehre Wahrheitssuche gegen die Drachen Google, Facebook und Co. verteidigt.  Zitat: „Wir Verlage verstehen unseren Journalismus als ein Bollwerk gegen diese Bedrohung der Demokratie. Es ist die Aufgabe der freien Presse, unabhängig und wahrhaftig zu informieren – die „Achtung vor der Wahrheit“ ist das erste Gebot des Pressekodex der Verlage.“
Und was will er? Subventionen von der neuen Regierung. In Welte-Deutsch klingt das so: „Es ist richtig, dass die Regierung einen zweiten Anlauf nimmt, um die flächendeckende Versorgung mit periodischer Presse sicherzustellen – das sollte diesmal aber ordnungspolitisch sauber sein und diskriminierungsfrei Zeitschriften und Zeitungen umfassen. Gelingt dies nicht, stehen viele Publikationen vor dem Aus.“

Hier einige „Bollwerke“ Weltes:

„Social media is a deadly game for power and money”

Das Aufkommen der Social Media vor zwei Jahrzehnten weckte große Hoffnungen. Die Utopie einer demokratischen Öffentlichkeit, an der alle teilnehmen können ohne die Gatekeeper der Medienkonzerne, schien in greifbarer Nähe. Leider lief es wie mit dem Kommunismus. Die Idee klang wunderbar. Doch in der Praxis wurde etwas völlig anderes daraus. Gut organisierte Minderheiten, Lobbygruppen, Schleichwerber, Agenten autoritärer Regime, Irre und Fanatiker besetzten das Terrain. Statt demokratischer, pluralistischer Öffentlichkeit bildete sich eine römische Arena, in der immer der schnellste, heftigste und primitivste Reiz gewinnt.

Gestern wurden die philippinische Journalistin Maria Ressa und ihr russischen Kollegen Dmitri Muratow mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede stellte Ressa die zynische Strategie der Social-Media-Konzerne in den Mittelpunkt. Sie klagte an, dass autoritäre Herrscher mit Hilfe von Facebook und Co. ihre Desinformation besser unters Volk bringen können als je zuvor. Es lohnt sich ihr zuzuhören. Hier die ganze Rede:
https://youtu.be/m1w3rRRBoq8
Hier ein Auszug:
“…The attacks against us in Rappler (Die Nachrichten-Website, die Maria Ressa gegründet hat) began five years ago when we demanded an end to impunity on two fronts: Rodrigo Duterte’s drug war and Mark Zuckerberg’s Facebook. Today, it has only gotten worse – and Silicon Valley’s sins came home to roost in the United States on January 6 with mob violence on Capitol Hill. What happens on social media doesn’t stay on social media. Online violence is real world violence. Social media is a deadly game for power and money, what Shoshana Zuboff calls surveillance capitalism, extracting our private lives for outsized corporate gain. Our personal experiences sucked into a database, organized by AI, then sold to the highest bidder. Highly profitable micro-targeting operations are engineered to structurally undermine human will. I’ve repeatedly called it a behavior modification system in which we are all Pavlov’s dogs, experimented on in real time with disastrous consequences in countries like mine, Myanmar, India, Sri Lanka, and so many more…”

Betreutes Lesen

Gestern brachte die Post Abdulrazak Gurnahs Buch „Das verlorene Paradies“, das ich bei „Eichendorff 21“ (sehr zu empfehlen!) bestellt hatte. Beim Durchblättern entdeckte ich eine „Editorische Notiz“. Sie weist Leserinnern und Leser darauf hin, dass in diesem Roman Menschen als „Wilde“, „Eingeborene“ oder „Kaffer“ bezeichnet werden. Es folgt die Erklärung, dass dies „in der Regel Figurenrede“ sei, also fiktive Romanfiguren so sprächen. In einigen Fällen benutze auch der Erzähler die Sprache der Zeit, in der die handelnden Figuren verankert sind (der Roman beginnt im 19. Jahrhundert). Es folgt der Hinweis, dass dem Verlag bewusst ist, wie problematisch dies sei.

Ich hatte also nochmal Glück gehabt. Ohne die „Editorische Notiz“ wäre ich beim Lesen von Gurnahs Buch womöglich Rassist geworden.

Spaß beiseite. Nachdem sich mein Erstaunen gelegt hatte, fiel mir ein anderes Buch ein. Irgendwann, als es die DDR noch gab, hatte ich mir in Ostberlin „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ von John Reed gekauft. Das weltberühmte Buch, eine Reportage über die Ereignisse 1917 in Russland, war ein kniffliges Problem für die Diktatur. Denn da es schon 1919 erschienen war und damals auch im Westen verbreitet, konnte man es weder still und heimlich umschreiben noch verbieten, wie so viele andere Bücher. Man hätte ja im Westen eine manipulierte Fassung mit dem Original von 1919 vergleichen können. Außerdem gab es auch noch ein Vorwort von Lenin, der im sowjetischen Machtbereich posthum als Heiliger gepriesen wurde. Das Ministerium für Kultur löste das Problem, indem es dem Buch ein langes editorische Nachwort anfügte. Darin erklärte die Partei den Leserinnen und Lesern, was es damit auf sich habe, dass in dem Buch Personen vorkommen, die in der DDR-Geschichtsschreibung gar nicht existierten, wie etwa Sinowjew oder Trotzki. John Reed habe diese Personen im Eifer des Gefechts falsch eingeschätzt, denn sie waren schon 1919 vollkommen unbedeutend und obendrein schändliche Verräter.

Natürlich ist der damalige Geschichtsrevisionismus nicht das Gleiche wie eine heutige Triggerwarnung. Dennoch fühlt man sich als Leser unangenehm berührt, wenn der Verlag einem schulmeisterhaft erläutert, wie man ein literarisches Werk zu verstehen habe.

Endlich getrennt: Klima und Umwelt

Worauf einige Naturschützer seit Jahren hinweisen, setzt die Ministerien-Aufteilung der Ampelkoalition in politische Zuständigkeiten um: Klimaschutz und Umweltschutz sind nicht das Gleiche. Es wird ein Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geben und eines für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Damit nimmt die neue Bundesregierung eine gedankliche Differenzierung vor, die in der deutschen Öffentlichkeit längst noch nicht vollzogen ist. Viele Medienbeiträge tun immer noch so, als seien die Ziele der Klimaproblematik quasi identisch mit Umweltschutz. Manche vernebeln den Unterschied aus Unwissen, andere aus energiepolitischem Kalkül. Wind- und Solarindustrie sind nicht nur sehnsüchtig erwartete Klimaretter, sondern ebenso profitgesteuert wie die Öl- und Kohlewirtschaft (oft sind es dieselben Konzerne). Sicherlich: Wenn man an den Untergang durch apokalyptische Erderhitzung glaubt, sind alle Umweltfragen (und auch alles andere) marginal. Doch in der Praxis haben die großen Umweltprobleme recht wenig mit Klimaerwärmung zu tun. Die Verschmutzung von Luft und Gewässern, die vor allem in ärmeren Ländern nach wie vor ein Riesenproblem darstellt, liegt nicht am CO2-Anstieg. Ebenso wenig die vielerorts nicht funktionierende bis nicht vorhandene Müllentsorgung. Das Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten ist auch keine Folge der Erwärmung, sondern liegt vornehmlich am Verlust von Naturgebieten, durch die Ausbreitung der Landwirtschaft und an der Übernutzung von Wäldern, Wildtier- und Fischbeständen. Auch auf Deutschland bezogen, leidet die Natur weniger am Klimawandel als an der Intensivierung der Landwirtschaft, wodurch artenreiche Lebensräume wie etwa magere Blühwiesen verschwinden. Andererseits zeigt sich deutlich, dass viele Maßnahmen umweltschädlich sind, die der Abkühlung des Klimas dienen sollen. Warum steht in diesem Vortrag, den ich 2017 in London hielt. Die neue Regierung plant, dass zwei Prozent der deutschen Landesfläche mit Windkraftanlage bebaut werden. Da klingt nach nicht sonderlich viel. Zwei Prozent das entspricht jedoch fast der Gesamtfläche aller Gewässer in Deutschland (2,3 Prozent) oder aller Autostraßen (2,6 Prozent). Der Klimaminister und die Umweltministerin werden also Einiges zu diskutieren haben.

Reichlich Prognosen und üppiger Konsens

In der WELT vom 8.11.2021 wurde über eine Studie von Medienforschern der Gutenberg-Universität Mainz und der LMU München berichtet. Die Wissenschaftler analysierten Beiträge der Leitmedien zum Thema Klimawandel. Ausgewertet wurden FAZ“, „SZ“, „Bild“, „Spiegel“, „Focus“, „t-online“, WELT, „Tagesschau“, „heute“, „RTL Aktuell“, „ARD Extra“.

Zitat aus dem WELT-Artikel: „Als negativ vermerken die Medienwissenschaftler, dass die Unsicherheiten von Prognosen…nicht ausreichend transparent gemacht wurden. Stattdessen seien Prognosen häufig als gesichert dargestellt worden…Rund 90 Prozent der Beiträge, die sich mit den Erkenntnissen der Wissenschaft beschäftigten, hätten den wissenschaftlichen Konsens hervorgehoben, nur in 10 Prozent sei es um den wissenschaftlichen Dissens gegangen.“

Kleiner Scherz: Die Analyse bezog sich auf die Covid-19-Berichterstattung, nicht auf den Umgang der Medien mit dem Klimawandel. Selbstverständlich werden im Klima-Journalismus Prognosen kenntlich gemacht und wissenschaftlicher Dissens thematisiert.