Mierschs Zwischenrufe

2019 verabschiedete ich mich von Facebook, 2020 von Twitter. Nach zehn Jahren in den Social Media hatte ich den Eindruck, dass man dort kaum noch Originelles, Überraschendes oder geistig Anregendes findet – stattdessen endlose Wiederholungen altbekannter Gesinnungsplattitüden. Weil ich die kurze Form aber mag, finden Sie hier meine Randbemerkungen über Aktuelles und Zeitloses, Wichtiges und Marginales.

Hamas in Hamburg

Auf der Moorweide beim Bahnhof Dammtor, wo sich 1941 die Hamburger Juden einfinden mussten, um von dort deportiert zu werden, haben Hamas-Freunde nun einen Zeltplatz. Die Camper sind  zum einen langbärtige Männer mit verschleierten Frauen und zum anderen bunthaarige Polit-Hipster diversen Geschlechts.

Teure Inseln

„Wohnungsnot an den Küsten,“ titelt heute der Deutschlandfunk, „Kommunen fordern Regierung zum Handeln auf.“ Laut eines Makler-Portals muss man für einen Quadratmeter auf den Ostfriesischen Inseln 7.443,- Euro hinblättern. Frankfurt ist billiger. Es scheint, dass weder die Regierung noch ARD und ZDF, „Fridays for Future“ oder „letzte Generation“ die Bevölkerungsgruppe der wohlhabenden Immobilienkäufer erreichen.

Sightseeing durchs eigene Leben

Frank Stern glaubte, dass man die DDR reformieren und einen freien, freundlichen Sozialismus aufbauen könne. Weil er das gelegentlich auch laut sagte, wurde der Magdeburger Student 1981 in der Universität verhaften und ins Gefängnis gesteckt. Nach zwei Jahren Haft beschloss die Staatssicherheit ihn gegen Westgeld in die Bundesrepublik zu entlassen. So verfuhr die DDR damals mit 32.000 unbotmäßigen Bürgern, für deren Freilassung die Bonner Regierung 3,3 Milliarden D-Mark zahlte.

Fast ein halbes Jahrhundert später besucht Stern die Handlungsorte seiner Kindheit und Jugend erneut: Campingplätze, Kasernen, Gefängnisse, Jugendclubs, Stätten bildungsträchtiger Schulausflüge. Er schaut sich an, was davon übrig blieb und erinnert sich. So ist eine ungewöhnliche Mischung entstanden aus launiger Reisereportage und autobiographischen Schlaglichtern. Die prägnante Kürze der Erinnerungen macht sie umso eindrucksvoller. Gerade noch schmunzelt man über Sterns spöttische Anmerkungen zur Architektur oder Anekdoten aus der jeweiligen Stadtgeschichte, schon wird man ohne Vorwarnung Zeuge, wie er nach dem Mauerfall den Stasi-Mann konfrontiert, der ihn monatelang verhörte.

Stern schildert ohne Bitternis, ohne Zynismus, ohne Larmoyanz seine Erfahrungen mit der Diktatur, an deren Verbesserungswürdigkeit er eine Jugend lang glaubte, um schließlich erst eingekerkert, dann rausgeschmissen zu werden. Im Gegenteil: Mit feiner Ironie zeigt er immer wieder, dass die Geschichte des Landes zwischen Ostsee und Erzgebirge zwar leidvoll war, aber durchaus auch komische Seiten hatte. Und das nicht erst seit dem Murksismus der SED, sondern schon zu Luthers Zeiten. Wer gern mal Städtetouren in die fünf östlichen Bundesländer unternehmen möchte, dem sei Sterns Buch als überaus kundiger Reiseführer empfohlen.

Einmal Osten und zurück

Streifzug durch mein fremdes Land

Telescope Verlag, Mildenau 2023

124 Seiten, 12,90 Euro

Pro-deutsche Demonstrationen

Neonaziaufmärsche werden jetzt im Deutschlandfunk und anderen seriösen Nachrichtensendungen „pro-deutsche Demonstrationen“ genannt. Nein, kleiner Scherz. Aber es wäre nur konsequent, denn die Demonstrationen von Hamas-Anhängern und Islamisten nennen die Nachrichtenredaktionen stets „pro-palästinensisch“. Wer sich diese Veranstaltungen einmal angesehen hat, fragt sich, wie diese Sprachregelung zustande kam. Denn die größtenteils jungen Männer machen keinen Hehl daraus, für was sie auf die Straße gehen: für die Vernichtung Israels. Daher trifft der im deutschen Journalismus ebenso gebräuchliche Euphemismus „israelkritisch“ ihr Anliegen auch nicht. Seit den 2010er-Jahren scheint irgendwie ausgemacht zu sein, dass es „Hass und Hetze“ nur von biodeutschen Rechtsradikalen geben kann. Menschen mit Migrationsgeschichte sind dazu wohl nicht fähig. Auch das ist eine Form von Rassismus.

Väter am Sonntag

Das typische Spießeridyll der 1950er- und 1960er-Jahre war der Papi, der am Sonntagvormittags hingebungsvoll das Auto wäscht, während Mutti drinnen den Sonntagsbraten in die Röhre schiebt. Vergangenen Sonntag sah ich die Wiederkehr dieser fast vergessenen Tradition: Ein Familienvater wusch vor der Haustür gemeinsam mit zwei Kindern das edle Cargobike. Mal sehen, ob das Schule macht.

Die woke Apartheid schreitet voran

Eintrag auf der Nachbarschaftsplattform nebenan.de…

Auch ich bin ein Flüchtling

Wenn in Europa die Kriterien des UN-Palästinenser-Hilfswerkes UNRWA gelten würden, wäre ich ein Flüchtling – sogar dreifach. Diese Erkenntnis verdanke ich einem Artikel von Christine Brinck in der WELT. Meine Großeltern mütterlicherseits flohen im Ersten Weltkrieg aus dem östlichen Polen, das damals zum Zarenreich gehörte, nach Pommern. Im Zweiten Weltkrieg floh die Restfamilie von Pommern nach Westen. Meine Eltern ließen sich in Berlin nieder, von wo sie 1950 wiederum abhauen mussten.

Nach dem Modus des UNRWA wären auch meine Kinder Flüchtlinge, deren Kinder usw. Allerdings hatte ich mein Leben lang nie den Gedanken, Flüchtling zu sein. Nicht einmal meine Eltern und Großeltern machten Aufhebens um ihren Heimatverlust, sondern schickten sich an, auf dem schnellsten Wege Teil der westdeutschen Gesellschaft zu werden.

1949 im ersten israelisch-arabischen Krieg wurden 750.000 Araber vertrieben oder verließen ihre Dörfer freiwillig. Mittlerweile hatten diese Menschen so viele Nachkommen, dass nun 5,7 Millionen als Flüchtlinge gelten. Allein den Palästinensern wird ein erblicher Flüchtlingsstatus zuerkannt. Sonst keinem der 30 Millionen aus ihren Heimatländern geflohenen, die es momentan auf der Welt gibt. Und leider auch mir nicht. Dabei hätte ich gar nichts gegen ein bisschen Kohle von der UN.

Gut gesagt (16)

„Es gibt gerechte Kriege, es gibt  keine unschuldigen Armeen.“

Jorge Semprun

Leerformeln zum Gazakrieg

„Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen,“ lautet ein berühmtes Diktum von Karl Valentin, das auch auf die öffentliche Debatte über den Gazakrieg zutrifft. Seit dem 7. Oktober wird unentwegt und unter allen möglichen Aspekten darüber berichtet. Doch trotz der Fülle der Berichte und Kommentare gibt es „blinde Flecken“, Dinge, die so selbstverständlich scheinen, dass sie permanent wiederholt und nicht in Frage gestellt werden. Obwohl man sie durchaus in Frage stellen könnte.

Warum wird Israel dazu aufgerufen, durch eine Feuerpause oder einen Waffenstilstand, das Leid der Bevölkerung zu mildern? Schon klar, weil die Hamas eine Terrororganisation ist, die sich an keine Regeln hält und von der man ohnehin keine Humanität erwartet. Doch diese ständigen Appelle an Israel bewirken in manchen Köpfen eine Schuldumkehr. Ein guter Vergleich ist die Schlacht um Berlin 1945, die zwei Wochen dauerte, große Teile der Berliner Innenstadt zerstörte und viele Menschenleben kostete. Hätte man die Rote Armee zu einer Feuerpause auffordern sollen? Die Nazis hätten nur kapitulieren müssen und der Horror wäre vorbei gewesen. Das Gleiche gilt für die Hamas. Müssten die internationalen Apelle, insbesondere die der arabischen Staaten, nicht an die Hamas gehen, endlich zu kapitulieren? Dann wäre morgen Frieden.

Eine andere durchaus fragwürdige Formel, die in den Medien und von Politiker dauernd wiederholt wird, ist die von der „Staatsraison“, die es gebiete, Israel zu unterstützen. Gerade junge Menschen können damit wenig anfangen. Für mich klingt das immer ein bisschen wie, leider müssen wir Israel unterstützen, da es ja nun mal „Staatsraison“ sei. Jeder denkende Mensch fühlt sich nicht ernstgenommen, wenn ihm etwas damit begründet wird, weil es eben so ist. Das Rauchen in Gaststätten ist verboten, weil das Rauchen in Gaststätten verboten ist. Diese Begründung erkennt jeder als ziemlich dürftig. Wer über ein Minimum an Eigensinn und Kritikfähigkeit verfügt, empfindet die Warum-Frage damit weiterhin als unbeantwortet. Menschen, die keine Nahostexperten sind, haben ein Recht darauf erklärt zu bekommen, warum es richtig und geboten ist den Staat Israel in seiner Selbstverteidigung gegen totalitären Terror zu unterstützen – auch dann, wenn es keine „Staatsraison“ gäbe. Offen bleibt bei der Wiederholung der Staatsraison-Formel leider auch, ob das tatsächlich bedeutet, dass Deutschland Israel so verteidigt wie das eigene Land, also im Notfall auch mit deutschen Soldaten. Zweifel sind da angebracht.

Eine weitere unter Politikern beliebte Formel ist der Holocaust-Bezug. Hier wird es völlig aberwitzig. Israel muss demnach von Deutschland unterstützt werden, weil die Deutschen Millionen Juden ermordet haben. Quasi als Sühne. Auch dies leuchtet vielen jungen Menschen nicht ein, was ich gut verstehen kann. Ein falsches Argument kann man oftmals entlarven, indem man einmal das Gegenteil formuliert: Hätte die Deutschen nicht Million Juden ermordet, könnte uns Israel egal sein. Ist es nicht vielmehr so, dass Israel jegliche Hilfe verdient, weil es eine Insel der Freiheit und Demokratie in einem Meer totalitärer Militärdiktaturen, Königreiche und Theokratien ist, eine Frontlinie des Westens. Wäre Israel weniger unterstützungswürdig, wenn dort Mormonen oder Buddhisten lebten?

Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber mir fallen diese Leerformeln zunehmend auf den Wecker. Es geht um einen Krieg, in dem viele Menschen sterben. Da wäre es angebracht, sich die Mühe zu machen, ein bisschen besser zu begründen auf welcher Seite Deutschland steht und warum.

Mitgehört im Humboldt Forum

Podiumsdiskussion zum Thema Bauernproteste. Teilnehmer: ein Landwirtschaftsminister (grün), eine Schriftstellerin und Nebenerwerbs-Bio-Winzerin (grün), ein Schriftsteller und Nebenerwerbs-Biolandwirt (ziemlich grün), eine Schriftstellerin, die aufs Land gezogen ist (dunkelgrün). Alle Teilnehmerinnen Teilnehmer schafften es bei jedem Wortbeitrag auf die schrecklichen Folgen des Klimawandels hinzuweisen. Der Klimawandel wurde als Ursache ausgemacht unter anderem für zu viel Regen, zu wenig Regen, Trockenheit, Kälte und Hitze. Die Nebenerwerbs-Winzerin beklagte, dass bereits ihre slowenische Großmutter gegen den Klimawandel ankämpfen musste (also offenbar schon vor dem von Menschen verursachten CO2-Anstieg). Mir kam dabei ein alter sowjetischer Witz in den Sinn: Was sind die vier Hauptfeinde der sowjetischen Landwirtschaft? Antwort: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Heute müssen die Jahreszeiten mit ihrem stets unzuverlässigen Wetterwandel als Beleg für die Schrecken des Klimawandels herhalten. Alle waren alle sich einig, dass es kaum mehr möglich sei, in Zeiten des Klimawandels dem Boden noch etwas Essbartes abzuringen. Gegen Ende der Diskussion bedauerte der Minister den Preisverfall beim Weizen. Ursache dafür seien Rekordernten. So tückisch kann der Klimawandel sein.

Datenschutz in Deutschland

Vor einiger Zeit wurde mir bei der Aufnahme in ein Krankenhaus ein Formular vorgelegt, dass ich dem Krankenhaus gestatte, den Befund meiner Hausärztin mitzuteilen. Auf meine verwunderte Nachfrage erfuhr ich, dass das Krankenhaus nicht ohne meine ausdrückliche Einwilligung mit meiner Hausärztin kommunizieren darf – aus Datenschutzgründen. Damals hielt ich das für den Gipfel des der deutschen Datenschutzirrsinns.

Jetzt weiß ich, es geht noch verrückter.

Als ich meinen Gaszählerstand der Firma Vattenfall per E-Mail übermittelte (an die einzige Vattenfall-E-Mail-Adresse, die im Netz zu finden ist), erhielt ich folgende automatische Antwort:

„Wir bitten um Verständnis, dass aufgrund der geltenden Vorschriften der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) eine Weiterleitung Ihres Serviceanliegens zwischen den verschiedenen Unternehmenseinheiten von Vattenfall nicht stattfinden kann.“

Meine Prognosen für 2024

Der Jahreswechsel ist die Zeit der Prognosen. Wahrsagerinnen, Zukunftsforscher und Klimapropheten haben Konjunktur. Da will ich nicht abseitsstehen. Hier meine Vorhersagen für 2024…

  • Nach dem Abzug aller russischen Truppen aus der Ukraine gibt Putin im Kreml sein Coming Out bekannt. Die Hochzeit mit Björn Höcke findet in der Basilius Kathedrale nach orthodoxem Ritus statt.
  • Björn erkrankt an Heimweh, worauf ihm Wladimir verspricht, Thüringen zu annektieren. Da dies kurz vor den Wahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg geschieht, verfehlt die AfD in allen drei Bundesländern die 5 Prozenthürde. Björn ist sauer. Wladimir verwirft seinen Annexionsplan.
  • Der Erzengel Dschibril erscheint gleichzeitig in Gaza und auf der Sonnenallee in Neukölln und verkündet, dass Allah Jude ist. Daraufhin bricht zunächst große Verwirrung, dann Frieden im Nahen Osten aus.
  • In Biblis erklärt Robert Habeck die Wiederinbetriebnahme deutscher Atomkraftwerke und den Bau von fünf neuen Öko-Kernkraftwerken.
  • Die Grundwertekommission der SPD findet heraus, dass das „S“ in SPD für sozialdemokratisch steht, und dass es bereits eine andere Partei gibt, die die Interessen grüner Klientel vertritt. Ein Parteitag soll darüber beraten, was dies für die SPD bedeutet.
  • Greta Thunberg und Luisa Neubauer kleben sich in Reykjavik fest. Doch dort interessiert sich niemand dafür und so sitzen sie tagelang in der Kälte. Dabei zerstreiten sich die beiden über die Frage, ob die Juden schuld an der Klimaerwärmung sind.
  • Deutschrapper Kollegah gibt bekannt, dass er künftig als Frau gelesen werden will. Da die Mehrheit seiner Fans nicht lesen kann, kriegt es aber kaum jemand mit.
  • Die Präsidentschaftswahl in den USA gewinnt Sarah Silverman.

…oder bin ich zu optimistisch?

Wokeness vor 100 Jahren

Nicht erst seit gestern empören sich sensible Menschen über Kulturelle Aneignung (cultural appropriation). Dieses Plakat entdeckte ich in der Ausstellung „Goldene 20er? Die Weimarer Republik in der Provinz“ im Museum Fürstenfeldbruck.

Lesung „Einmal Freiheit und zurück“ auf YouTube

Villa Lessing, Saarbrücken, am 19.10.2023

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Gut gesagt (15)

“Das Totalitäre kommt allmählich, Politik geschieht allmählich und nie plötzlich, und darum ist sie auch so schwer zu fassen, weil das Wesen nicht in jedem Moment sichtbar ist. Die Aufmerksamkeit dafür ist eine Strecke und nicht ein Punkt. Ich habe Angst, dass das Wissen darum schwindet. Auch in den liberalen Gesellschaften muss man sich bewusst sein, dass Demokratie nicht an und für sich und automatisch existiert. Sondern, dass jede Generation etwas neu dafür tun muss und auf ihre Weise und wahrscheinlich immer etwas anderes.”

Herta Müller

Augen zu und durch

Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk bemühen jetzt Politikwissenschaftler, die die wachsende Zustimmung zur AfD damit erklären, dass die Medien zu viel über Probleme mit Migranten berichten. Sie sind der Meinung, die AfD würde schrumpfen, wenn man über Verbrechen von Einwanderern schweigt. Es scheint für sie nebensächlich zu sein, dass der hohe Anteil junger Männer aus muslimischen Ländern bei Gewalttaten längst statistisch erwiesen ist, es sich bei Berichten also nicht um aufgebauschte Einzelfälle handelt. Originellerweise übernehmen diese Expertinnen und Experten damit eine typische AfD-These: Die Medien sind an Allem schuld! Nur in umgekehrter Form, denn aus Sicht von Weidel und Co. werde zu wenig über migrantische Kriminalität berichtet.

Vor noch nicht allzu langer Zeit war es typisch rechts, unangenehme Wahrheiten auszublenden. In Nachkriegsjahren und noch lange danach wurde über die Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus eisern geschwiegen. Auch Probleme wie Männergewalt gegen Frauen und Kinder in Familien wurden von Rechten und Konservativen tabuisiert. Jetzt sind es die Woken und ihre akademischen Sympathisanten, die über Mord, Totschlag und Vergewaltigung nicht sprechen wollen. Vermutlich ist gerade dies der beste Dünger für die AfD.

Zur Erinnerung zwei Zitate linker Leitfiguren: „Alle politische Kleingeisterei besteht im Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist,“ schrieb Ferdinand Lassalle. Und von Rosa Luxemburg stammt der berühmte Satz: „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“

Wenn aus Werbesprüchen Wahrheit spricht…

„Nachhaltig ist das neue Profitabel.“

Aktueller Reklamespruch der Firma PricewaterhouseCoopers GmbH

Experten für Sündhaftes

Gerade lief im RBB-Radio eine Sendung über die Zukunft der Fleischproduktion. Gleich zu Anfang erklärten beide Moderatoren, sie seien Vegetarier. Wie in früheren Zeiten, als die Pfarrer noch glaubten, ihre Meinung zur Sexualität sei gefragt.

Mitgehört in einer Berliner Apotheke

Die Apothekerin scannt den Barcode auf der Globuli-Packungen einer Kundin. Diese beschwert sich, dass das Scannen die Wirkung der Homöopathie beeinträchtige. Die Apothekerin wiegelt ab: „Die Packungen wurden beim Transport gescannt und auch schon in der Herstellerfirma.“ Missmutig murmelnd nimmt die Dame ihren nun dreifach gescannten Globuli entgegen.

Mitgehört in der Moabiter Markthalle

Zwei Herren in der Mittagspause. Sie unterhalten sich über den hohen Krankenstand in der Berliner Verwaltung und entwickeln einen Lösungsvorschlag: „Es müsste Prämien geben für alle, die nicht krank sind.“ Es klang nicht ironisch.

Mitgehört am Brandenburger Tor

Spanische Touristen-Familie, Vater, Mutter zwei Kinder. Papa ist im besten Mansplaining-Modus und erklärt die Umgebung: „Das ist die Amerikanische Botschaft“. Kind zeigt auf das Adlon: „Und was ist das für ein Haus?“ Vater erblickt auf dem Dach des Adlon die Fahne mit dem Berliner Bären. „Das ist die Kanadische Botschaft.“

Gelungene Integration

Ab welchem Alter ist es Kindern zuzumuten, selbstständig zu laufen? Seit ein paar Jahren sehe ich häufig Eltern, die Kindergartenkinder oder sogar Schulkinder im Wägelchen durchs Leben schieben. Interessanterweise ist der Trend, dem Nachwuchs die Benutzung der eigenen Beine zu ersparen, nicht auf biodeutsche Mittelschichtseltern beschränkt, die ohnehin in dem Ruf stehen, als Allround-Servicekraft für die hochbegabten Sprösslinge zu wirken. Auch Migranten machen mit. Nicht selten begegnen mir Mütter und Väter offenbar arabischer, afrikanischer, ukrainischer oder türkischer Herkunft, die ihre Fünf-, Sechs- oder Siebenjährigen wie Babys transportieren. Allerdings ist die nächsthöhere Steigerung des Sitzendtransports noch nicht in den migrantischen Milieus angekommen. Cargo-Bikes blieben bisher noch eine biodeutsche Sitte.

Eine Statistik, die jeder kennen sollte

Beim Thema „Naturkatastrophen als Folge des Klimawandels“ wird die wichtigste Information meist verschwiegen: Immer weniger Menschen sterben in Folge solcher Katastrophen. Ohne Kenntnis dieser einfachen Tatsache gibt es keine vernünftige Debatte über Klimapolitik.

Die Grafik stamm von der nützlichen Website Our World in Data. Ich fand sie im stets lesenswerten Newsletter von Axel Bojanowski.

 

Rückenwind für die AfD

Die AfD hat keine vernünftigen Antworten auf die großen Fragen des Herbstes 2022, kann man überall hören und lesen. Das stimmt. Aber sie ist die einzige im Bundestag vertretene Partei, die beim Namen nennt, was die anderen verschweigen oder beschönigen. Gäbe es nicht dieses Bemänteln der Probleme bei Einwanderung, Integration und der vermurksten Energiewende würde die AfD nur eine kleine, rechtsradikale Minderheit anlocken. So bleibt es ausgerechnet einem Sammelbecken faschistischer Vollpfosten überlassen, das auszusprechen, was alle sehen können, wenn sie nicht die Augen davor verschließen. Wer kritische Berichterstattung zu den heiklen Themen sucht, findet in Radio, Fernsehen und in den meisten Zeitungen die gleichen wattigen Phrasen wie bei den Altparteien. Statt Analyse und Kritik gibt es die tausendste Sendung und den zehntausendsten Artikel mit gruseligen Vorhersagen über die zu erwartenden Folgen des Klimawandels.

Aussprechen was ist, das war einst Kennzeichen kritischer Linker. Jetzt befassen sich links Fühlende mit Sprachgeschwurbel und dem Schönreden einer unangenehmer werdenden Realität.

Zur geistigen Verwirrung der Linken gibt es hier eine kleine Glosse.

Geflüchtete

Man liest und hört kaum mehr von Flüchtlingen. Stattdessen ist von Geflüchteten die Rede. Denn aufmerksame Sprachreiniger haben festgestellt, dass die Wortendungen „ling“ oder „linge“ abwertend seien und daher getilgt werden sollten. Passen Sie also auf, wenn Sie Ihrem Liebling im Frühling einen Schmetterling zeigen, dass der Häuptling der Sprachwächter dies nicht hört. Sonst ist ihr guter Ruf keinen Pfifferling mehr wert.

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Nazi

Für identitäre Linke ist jeder ein Nazi, dessen Meinung vom Katechismus für woke Intersektionalität abweicht. Für AfD-Anhänger sind Nazis unerklärliche historische Einzelfälle aus dunkler Vergangenheit, mit denen man als Neurechter nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat.

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Kartoffel

Mal abfällig, mal freundlich-ironischer Begriff für Deutsche ohne Migrationshintergrund. Wobei man sich fragt, ob die Knollenfrucht als Symbol glücklich gewählt wurde. Denn schließlich hat sie selbst Migrationshintergrund und kam aus Amerika über Spanien und die Niederlande nach Deutschland. Damals ohne Risikoanalyse. Die Vorbehalte der kartoffelskeptischen Bauern erinnern an die heutigen Ressentiments gegen Pflanzengentechnik.

Schließlich haben die Fürsten die Ami-Knolle gegen den bäuerischen Widerstand durchgesetzt, und sie wurde ein beliebtes Nahrungsmittel. Heute kennt man sie auf der ganzen Welt. Deutschland nimmt einen bescheidenen sechsten Platz unter den Kartoffelnationen ein. Nummer eins ist China gefolgt von Indien. Mehr Migrationshintergrund geht kaum.

Gerade dies prädestiniert die Kartoffel als Charakterisierung der Deutschen. Denn die alteingesessene Bevölkerung zwischen Flensburg und Berchtesgaden stammt größtenteils nicht von germanischen Stämmen ab, sondern hat migrantische Wurzeln. Kaum ein Volk der Erde ist so bunt gemischt. Völkerwanderung, Eroberun, Besatzung (von den Römern bis zur Roten Armee), Vertreibung und immer wieder Kriegesorgten dafür, dass nur noch die wenigsten Bewohner der Mitte Europas Abkömmlinge von Teutonen, Kimbern, Cheruskern  sind. So betrachtet sind die Deutschen tatsächlich die Kartoffeln unter den Völkern.

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Globaler Süden

Früher sprach man von Dritter Welt, von Entwicklungs- oder Schwellenländern. Die Kriterien dafür waren nicht immer ganz klar, aber eindeutig ökonomischer Natur. In woken, postkolonialen Kreisen benutzt man mittlerweile lieber die Bezeichnung „Globaler Süden‘“, wo angeblich Mitmenschlichkeit und Naturverbundenheit zuhause sind. Die Generaldirektorin der Documenta 15 betonte, auf der Kasseler Kunstschau die Perspektive des „Globalen Südens“ zu präsentieren. Wer gehört zu diesem „Globalen Süden“ und warum? Die südliche Lage auf dem Globus spielt offenbar keine Rolle, sonst würden Australien und Neuseeland dabei sein. Nimmt man als Kriterium, dass alle Nationen darunterfallen, die unter Kolonialismus gelitten haben, fällt auf, dass einige fehlen. Denn Länder wie Polen sind nicht mitgemeint, obwohl sie vom Deutschen Reich auf brutalste Weise kolonisiert und ausgebeutet wurden. Legt man Armut als Kriterium an, funktioniert der Sammelbegriff ebenfalls nicht. Denn manche arabischen Staaten werden zum „Globalen Süden“ gezählt, obwohl sie reicher sind als viele Länder des Nordens, die angeblich zu den Ausbeutern gehören. Als einzige Gemeinsamkeit bleibt nur die Hautfarbe übrig, um den „Globalen Süden“ zu definieren. So wie die Bezeichnung heute benutzt wird, gehören alle dazu, die afrikanisch, lateinamerikanisch, süd- oder ostasiatisch aussehen. Ein Begriff aus der Küche des woken Antirassismus.

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Letzte Generation

„Aber viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein,“ heißt es bei Matthäus. Der Satz zählt zu den bekanntesten aus der Bibel und wurde zum Sprichwort. Vielleicht wollen deshalb viele so gern zu den Letzten gehören. In Deutschland und Österreich machte 2022 eine Aktivistengruppe namens „Aufstand der letzten Generation“ von sich reden, die glaubt, die Welt vor dem Untergang retten zu müssen. Zu diesem Zweck protestierten Mitglieder nicht nur indem sie aufhörten zu essen: Sie setzten sich auf viel befahrene Straßen und klebten ihre Hände dort mit Sekundenkleber fest. Womit sie trotz ihrer geringen Zahl das Interesse der großen Medien auf sich zogen. Die klimasündigen Autofahrer warteten geduldig, bis die Polizei die Demonstranten mit Lösungsmitteln vom Asphalt getrennt hatte.

Letzter in der dreihunderttausendjährigen Geschichte des Homo sapiens zu sein, hat einen gewissen Kick. Schließlich kennt man bis heute die Namen Adam und Eva, mit denen nach jüdischer Überlieferung die Menschheit ihren Anfang nahm. Doch sollte man die Bewerber auf den letzten Platz in der Menschheitsgeschichte vor zwei Risiken warnen. Tritt ihre Prophezeiung ein, werden nur sie selbst von ihrer überragenden Bedeutung wissen. Denn nach ihnen kommt niemand mehr.

Zweitens ist die Chance, dass der Weltuntergang tatsächlich jetzt stattfindet, nicht sonderlich hoch. Die Sekundenkleber sind eine nur vorläufig „letzte Generation“, die von der nächsten abgelöst wird.

Auch die Christen waren hin und wieder davon überzeugt, die Letzten zu sein. Zum Beispiel 999, als Papst Sylvester II den Weltuntergang verkündete. Dass der ausblieb, erklärte das Kirchoberhaupt mit seinen erfolgreichen Gebeten. Laut Luther sollte die Welt 1532 untergehen. Dann erprobte er erfolglos zwei weitere Termine. Der Gründer der Zeugen Jehovas Charles T. Russel und seine Nachfolger legten sich viermal auf das Jahr des Weltendes fest.

Es gilt der gute Rat des polnischen Lyrikers Stanisław Jerzy Lec (1909-1966): „Erwartet euch nicht zu viel vom Weltuntergang.“

Eines von 99 Stichwörtern aus dem Buch…

„Schöner Denken 2“

von Josef Joffe und Michael Miersch

Edition Tiamat

120 Seiten

Was ist eigentlich Identität?

„Menschen konstruieren ihre Identität, indem sie ihre eigene Erfahrung in ein Repertoire etablierter Narrative einordnen.“

Diese treffende Definition stammt von der Soziologin Margaret Somers. Gefunden in Rebecca Cliffords Buch „Ich gehörte nirgendwo hin – Kinderleben nach dem Holocaust“ (Suhrkamp 2022)