Nur 17 Prozent der Deutschen haben eine Vorstellung davon, wie übel die Umweltsituation in den 1970er-Jahren war. Eine Mehrheit glaubt sogar, heute sei es schlimmer als damals. Wie kann das sein?
Früher war alles besser. Menschen neigen dazu die Vergangenheit zu verklären. Man kennt das. Manche Leute trauern sogar Diktaturen nach, weil da Ordnung herrschte und es angeblich gerechter zuging als im Wirrwarr einer liberalen Gesellschaft. Doch solch krasse Schönfärberei bleibt zumeist auf Minderheiten beschränkt. Besonders unter denen, die die vermeintlich gute alte Zeit noch selbst erlebt haben, und daher wissen, dass die alte Zeit nicht gut war.
Anders bei der Beurteilung der Umweltsituation, wie kürzlich eine Ipsos-Umfrage offenbarte. Die Demoskopen hatten gefragt, ob die Qualität der Umwelt 1975 besser gewesen sei als heute, oder umgekehrt. Nur 17 Prozent der Befragten antworteten im Einklang mit den historischen Fakten. 57 Prozent waren der Meinung früher sei die Umwelt sauberer gewesen.
Das ist umso verwunderlicher als über ein Viertel der Gesamtbevölkerung 60 Jahre oder älter ist und somit die 1970er-Jahre nicht nur aus TV-Dokus kennen sollte. Unter der Mehrheit, die eine damals gesündere Umwelt imaginiert, müssen folglich also auch Menschen sein, die mit Kohlerauch und Benzingestank in der Luft aufgewachsen sind.
Alt sein kann auch Vorteile haben. Einer davon ist, dass man die Gegenwart mit verschiedenen Abschnitten der jüngeren Vergangenheit vergleichen kann. Wer dafür keinen rosaroten Rückspiegel benutzt und sein Gedächtnis ein bisschen bemüht, ist froh darüber, welche ungeheuren Fortschritte Deutschland in Sachen Umweltschutz erreicht hat. Nicht dass heute alles in Ordnung wäre. Manche Belastungen sind kaum besser geworden, oder haben sich sogar verschärft. Während die deutsche Industrie ihre ökologischen Hausaufgaben größtenteils erledigt hat, liegt im Bereich der Landwirtschaft noch vieles im Argen. Überdüngung und das Verschwinden der Blühwiesen vermindern weiterhin die Artenvielfalt. In vielen landwirtschaftlich genutzten Gebieten sind Flora und Fauna auf dem Rückzug. Durch die Energiewende kamen neue Belastungen hinzu: lebensfeindlichen Maismonokulturen für Biogas und die Verbauung der Landschaft mir Windkraftanlagen und Solarfeldern.
Dennoch ist das heutige Deutschland verglichen mit 1975 ein ökologischer Kurpark. Zur Erinnerung: Die Atemluft war um ein Vielfaches stärker durchsetzt mit Ruß, Feinstaub, Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Stickoxiden, Blei und vielen anderen Schadstoffen aus Hausbrand, Kraftwerken, Industrie und Verkehr. Alle diese Giftstoffe wurden drastisch reduziert, was man auf der Webseite der Umweltbundesamtes gut dokumentiert findet. Es stank in den Städten und im Winter war Smog keine Seltenheit. Das Wörtchen Smog, zusammengesetzt aus dem englischen Vokabeln Smoke (Rauch) und Fog (Nebel), kennen vielen jüngere Menschen gar nicht mehr. Damals war es in aller Munde. Die Fassaden der Altbauten hatte der Ruß schwarz gefärbt.
Fischsterben waren an der Tagesordnung, auf manchen Flüssen schwamm meterhoch Schaum. Phosphate, Ammonium, Stickstoffverbindungen, Salze, Quecksilber, Cadmium, Blei und das ungeklärte Abwasser der Haushalte vergifteten die Gewässer. In vielen Flüssen und Seen war Baden strengstens verboten. Ab Mitte der 1970er-Jahre investierten Städte, Gemeinden und Industriebetriebe viele Milliarden Mark in Kläranlagen.
Milch, Butter und Fleisch waren noch immer mit DDT belastet, das erst 1972 verboten worden war.
Im heutigen Deutschland steht eine Million Hektar mehr Wald als damals in BRD und DDR zusammen. Es gibt mehr als sechsmal so viele Naturschutzgebiete und die Zahl der Nationalparks stieg von einem auf 16.
Im vergangenen halben Jahrhundert kehrten Dutzende Tierarten zurück, die in Deutschland ganz oder fast ausgestorben waren, der Wolf ist nur der bekannteste Fall. Die Bestände der Biber, Fischotter, Kegelrobben, Seeadler, Wanderfalken, Uhus und viele andere erholten sich, nachdem die Menschen sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhuderts drastisch dezimiert hatten und Umweltgift ihnen den Rest gaben. Über meinem Kiez in Berlin ziehen im Herbst wieder Kraniche und Graugänse, Bussard und Habicht kreisen in der Luft. An der leider immer noch verdreckten und einbetonierten Spree kann man täglich zahlreiche Graureiher und Kormorane beobachten und gelegentlich sogar einen Eisvogel. In meiner Kindheit gab es Kormorane nur im Zoo. Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt mit einem Ausflugsdampfer, bei der die Sichtung eines einzigen Reihers eine Sensation war.
Ein Bestseller des Jahres 1975 hieß „Ein Planet wird geplündert“. Autor war der CDU-Abgeordnete Herbert Gruhl, der vier Jahre später zu den Gründern der Grünen gehörte. Bereits 1972 war die apokalyptische Zukunftsprognose „Die Grenzen des Wachstums“ von Dennis Meadows erschienen, ein gigantischer Verkaufserfolg.
Wie können so viele Menschen dies alles vergessen haben? Besonders rätselhaft ist die grüne Amnesie bei ehemaligen DDR-Bürgern. Während im Westen der Höherpunkt der Umweltverschmutzung in den 1960-Jahren erreicht war (1975 gab es bereits erste Erfolge des Umweltschutzes) ging die rücksichtlose Vergiftung und Vermüllung in der DDR weiter bis zum Zusammenbruch des Systems. Um so schneller wurden die Verbesserungen durch die nach der Wiedervereinigung sofort eigeleiteten Sanierungsmaßnahmen sichtbar und auch riechbar. Alles vergessen?
Kann es sein, dass allein der deutsche Hang zur Nostalgie die Vergangenheit dermaßen schönfärbt? Warum haben Millionen Bürger ihr Gedächtnis umprogrammiert und sind davon überzeugt, dass die Umweltsituation noch nie so schlecht war wie heute. Frühere Umfragen des Allensbach Instituts haben ergeben, dass die Situation im Allgemeinen anders beurteilt wird, als im Konkreten. Fragt man die Menschen: Wie hat sich die Umwelt in Deutschland entwickelt, antwortet die Mehrheit: Es wurden schlechter. Fragt man, wie hat sich die Umwelt in der Region entwickelt, die sie selbst überblicken, antwortet die Mehrheit: Es wurde besser. Dass eine Schere existiert zwischen medial vermittelter Realität und selbst erfahrener Realität, zeigt auch eine andere Frage in der aktuellen Ipsos-Erhebung. Der einzige Bereich, bei dem eine Mehrheit die Meinung vertritt, etwas sei heute besser als 1975, ist die gesundheitliche Versorgung. Den medizinischen Fortschritt spüren Menschen am eigenen Leib. Themen wie Kriminalität oder Umweltverschmutzung werden vornehmlich durch Medien übermittelt.
Und noch ein anderer Faktor scheint mir die Erinnerung an die desaströsen Zustände vor 50 Jahren überdeckt zu haben. In der Öffentlichkeit hat das Klimathema das Umweltthema an den Rand gedrängt. Nicht wenige Politiker und Journalisten reden und schreiben so, als seien Umweltverschmutzung und Klimawandel ein und dasselbe. Angesehene Medien bezeichnen CO2 als Umweltgift, offenbar in Unkenntnis, dass dieses „Gift“ ein lebensnotwendiger Grundbaustein der Natur ist. Ob Hitze oder Kälte, Regen oder Trockenheit: Jedes Wetter gilt mittlerweile als Beweis für einen dramatischen Klimawandel. Da muss man sich nicht wundern, wenn Zuschauer und Leser glauben, 2026 eine Umwelthölle zu erleben, und sich zurücksehen nach 1975, als es scheinbar noch kein Klimaproblem gab. Damals sagten Klimawissenschaftler übrigens eine bedrohliche Globale Abkühlung voraus. Die Leitmedien begleiteten die Vorhersagen mit den üblichen apokalyptischen Szenarien – um uns dann ein Jahrzehnt später vorm Gegenteil zu warnen.
