Mierschs Zwischenrufe

2019 verabschiedete ich mich von Facebook, 2020 von Twitter. Nach zehn Jahren in den Social Media hatte ich den Eindruck, dass man dort kaum noch Originelles, Überraschendes oder geistig Anregendes findet – stattdessen endlose Wiederholungen altbekannter Gesinnungsplattitüden. Weil ich die kurze Form aber mag, finden Sie hier meine Randbemerkungen über Aktuelles und Zeitloses, Wichtiges und Marginales.

Gegenderter Kapitalismus

Lese gerade, dass die Bosse von 16 der 30 DAX-Konzerne beschlossen haben, in ihrem Unternehmen Gendersprache zu verwenden. Da werden sich die Arbeiterinnen aber freuen über die neue Wertschätzung. Bewundernswert wie schnell die Woken ihre Ziele durchsetzen, wesentlich flinker als die Linken von einst. Der Kapitalismus, das alte Chamäleon, kann jede Farbe annehmen. Vorausgesetzt die Besitzverhältnisse werden nicht tangiert.

Rassistisches Klima

Auf Berliner Wänden lese ich hin und wieder „Climate Justice is Racial Justice“. Ein rätselhafter Slogan. Was möchten mir die Verfasser damit sagen? Was ist ein gerechtes Klima? Für manche wäre es gerecht, wenn in Neukölln ohne Unterlass die Sonne scheint und es in Zehlendorf immerzu regnet. Aber Spaß beiseite. Ob es jemals ein gerechtes Klima auf der Welt gab, ist ziemlich zweifelhaft. Und dann die implizierte Verbindung zwischen steigenden Temperaturen und Rassismus: Wie funktioniert die? Stehen nicht gerade die kühleren Regionen wie Europa und Nordamerika unter Rassismusverdacht?

Gut gesagt:

“Es ist nichts so absurd, dass Gläubige es nicht glaubten. Oder Beamte täten.”

Arno Schmidt

Bisher ungenutztes Empörungspotenzial (2)

Die Abbildung religiöser Symbole hat in den vergangenen Jahren immer wieder zu Wellen der Entrüstung geführt, die zuweilen sogar in Mord und Terror endeten. Besonders einige Muslime tun sich dabei hervor, ganz besonders wenn ihr Prophet Mohammed unvorteilhaft abgebildet wird. Aber auch manche Christen verstehen keinen Spaß mit Jesus oder Maria und wollen ihre Idole auch nicht in profanen Zusammenhängen dargestellt sehen. Ganz anders bei den Buddhisten. Nach Angaben der Deutschen Buddhistischen Union hängen dieser Religion hierzulande immerhin 250.000 aktive Gläubige an. Sie hätten zahllose Anlässe sich aufzuregen, denn in Massagestudios, Bioläden, und Wellnessbädern ist ihr Religionsgründer mittlerweile ein so allgegenwärtiges Deko-Element, wie Hirschgeweihe in bayerischen Wirtshäusern. Man stelle sich vor, in einer Sauna hinge ein Kruzifix oder eine Mohammed-Darstellung als Mosaik am Rande des Tauchbeckens. Mit Buddha wird das gemacht und niemand stört sich daran. Ein schönes Beispiel, dass man durchaus entspannt und religiös gleichzeitig sein kann.

Einigkeit und Recht und Trägheit

Heute ist der 15. März 2021 und in keine der fünf Apotheken in Berlin Mitte, bei denen ich nachfragte, hatte bisher Covid-19-Selbsttests geliefert bekommen. Auch die große 24-Stunde-Apotheke im Hauptbahnhof nicht. Es ist zum Wutbürger werden.

Gut gesagt:

„Alles in allem haben wir eine andere Vorstellung dessen gewon­nen, was gut und was böse ist. Dank dieser neuen Werte sind viele von uns noch am Leben, während in vergangenen Epochen ein Mächtiger sie einfach um die Ecke gebracht hätte.“

Umberto Eco

Adenauer in Grün

Bei der Baden-Württemberger Landtagswahl wanderten 70.000 Ex-CDU-Wähler zu den Grünen, 2016 waren es sogar 107.000. Erstaunlich? Nein. Der heutige Konservatismus ist grün. Adenauer gewann den Bundestagswahlkampf 1957 mit dem Slogan: „Keine Experimente!“. Auf Kretschmanns Wahlplakaten stand: „Sie kennen mich“. In dem Magazin „liberal“ habe ich 2016 das grün-schwarze Biedermeier beschrieben:

Grün-schwarzes Biedermeier

Links blinken und rechts abbiegen

Vieles, was sich heute links nennt, war einmal weit rechts. Lautstarke Teile der Linken entsorgten die Klassenfrage und den Fortschrittsgedanken und übernahmen dafür grüne, identitäre und woke Vorstellungen, die noch vor einem halben Jahrhundert zum geistigen Fundus von Blut-und-Boden-Ideologen gehörten.

Eine kleine Liste:

  • Gegen Globalisierung sein
  • Die Natur als Ideal betrachten
  • Gegen freie Rede sein
  • Kunst verdammen, wenn sie nicht die richtige Gesinnung transportiert
  • Glauben an den Weltuntergang
  • Gegen Wohlstand und Wachstum sein
  • Die Forderung, dass Lebensmitteln und Energie teuer werden müssen
  • Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht als Kriterien der Einteilung von Menschen
  • Verbrüderung mit religiösen Dunkelmännern (speziell Islam)
  • Gegen das Reisen sein
  • Technikfeindlichkeit (Atomkraft, Pflanzengentechnik)
  • Relativierung des deutschen Völkermordes an den Juden, indem man ihn in eine Reihe mit den Verbrechen der Kolonialmächte stellt

Noch vor zwei Generationen waren dies Positionen reaktionärer Denker wie Ernst Jünger, Martin Heidegger, Konrad Lorenz oder Armin Mohler. Sie haben sich aus ihren Gräbern erhoben und als woke Grüne verkleidet.

Generationen gibt es nicht

Die Medienbranche ruft gern Generationen aus. Seit einiger Zeit ordnet sie diese nach Buchstaben: Generation X, Y und Z. Den zufällig im gleichen Zeitraum Geborenen werden gemeinsame Eigenschaften zugeschrieben. Die Achtundsechziger waren rebellisch, die Null-Bock-Generation der 80er-Jahre bestand aus lauter Aussteigern und Verweigerern usw. Solche Zuschreibungen waren schon immer Quatsch und wurden durch soziologische Empirie stets widerlegt. Ein auffälliger Teil der Jugendkulturen bekommt ein journalistisches Etikett verpasst und steht damit im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Mehrheit der Gleichaltrigen wird ausgeblendet. Kürzlich veröffentlichte die Europäische Investitionsbank eine repräsentative Umfrage zum Thema Klima. Und siehe da: Die „Generation Greta“ ist genauso fiktiv wie ihre Vorgänger. Nur 26 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, man müsse den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas aus Klimaschutzgründen reduzieren. Insgesamt zeigten sich die über 65-Jährigen wesentlich besorgter über den menschlichen Einfluss aufs Klima.

Gut gesagt:

„Ich bin der Meinung, dass man lachen können muss. Weil das Souveränität ist.“

Hannah Arendt

Was ein Skandal wird – und was nicht

„Die Zeit“ hatte am 16.Dezember 2020 in einem ausführlich recherchierten Artikel die Organisation „Plant for he Planet“ (https://bit.ly/3roBnix) unter die Lupe genommen und nachgewiesen, dass sowohl die ökologischen Erfolge als auch die finanzielle Redlichkeit dieser von der bayerischen Familie Finkbeiner geführten NGO höchst zweifelhaft sind. Scheinbar ist diese Enthüllung folgenlos verpufft. In Hamburg und Berlin sieht man zur Zeit an jeder Ecke Plakate auf denen Prominente wie der Schauspieler Hannes Jaenicke für „Plant for he Planet“ werben. Man stelle sich vor Ähnliches würde über die CDU oder die SPD bekannt. Alle Medien würden die Story aufgreifen. Bei einer grünen NGO ist das was anderes.

Weiblicher Eigensinn

„Die potente Frau“ ist ein Essay, den Svenja Flaßpöhler bereits 2018 veröffentlichte, auf den ich leider erst jetzt aufmerksam wurde. Es ist ein Aufruf zu mehr weiblichem Eigensinn, zu einem Frausein, das sich der eigenen Stärke bewusst wird, und nicht in einer Opferrolle verharrend nach Schutzräumen verlangt. Flaßpöhler schrieb dieses Buch in der Zeit der #Metoo und #aufschrei Kampagnen und bekam reichlich Gegenwind. Weil sie argumentiert, dass es einen Unterschied gibt, zwischen sexueller Gewalt und Nötigung, und Situationen, in denen Frauen sich dem Willen eines Mannes fügen, weil sie sonst Nachteile in ihrer Karriere befürchten.

Neben den guten Argumenten Flaßpöhlers habe ich zwei Dinge durch dieses Buch gelernt. Erstens: Fast alle Thesenbücher sind viel zu dick. Flaßpöhler überzeugt auf 48 Seiten. Kein Wort zum viel und keines zu wenig.  Zweitens: Wenige Menschen schaffen es, auf dem Höhepunkt solcher Kampagnen wie #Metoo distanziert darüber nachzudenken, was da eigentlich gerade vor aller Augen stattfindet.

Svenja Flaßpöhler
Die potente Frau
Für eine neue Weiblichkeit
48 Seiten
Ullstein, Berlin 2018

Gut gesagt:

„In Deutschland zählt ja Unrecht-Haben zu den Todsünden statt zu einem erwünschten Weg für neue Erkenntnisse.“

Hans Sahl

Bisher ungenutztes Empörungspotenzial (1)

Die Woken haben durchgesetzt, dass beim Verkleiden der Spaß aufhört. Es begann mit der Ächtung des „Blackfacing“ und erstreckte sich dann auf Faschingskostüme, mit denen in früheren Zeiten unsensible Personen First Nations (ehemals Indianer), Mexikaner, Araber oder Chinesen in parodistischer Form darstellten. Es sei, hieß das strenge Urteil, eine Form von Rassismus, sich Attribute anderer Kulturen oder Ethnien auf solche Weise anzueignen. Nun fiel mir beim Nachdenken darüber auf, dass es einen Bereich gibt, der von diesem Verdikt bisher verschont blieb: Travestieshows. Jedenfalls habe ich noch von keinem Protest dagegen gelesen oder gehört. Dort werden Frauen parodiert. Schlimmer noch: Frauen werden auf angeblich typisch weibliche Ausdrucksformen und Gesten reduziert. Skandal!!! Wenn ein Indianerkostüm Rassismus ist, dann sind Travestieshows eindeutig Sexismus. Ein Fall für woke Kulturwächter.

Ein Atlas der Alleskönner

Wenn man tagtäglich Neues über Viren liest, ist es erholsam, sich mit Bakterien zu befassen. Ludger Weß beschreibt in seinem Bakterienatlas 50 besonders originelle Vertreter dieser allgegenwärtigen Wesen, die neben Pflanzen, Tieren und Pilzen eine eigene Domäne des Lebendigen bilden. Weß gelingt eine Verbindung von Naturwissenschaft und fesselnder Erzählkunst, bei der man aus dem Staunen nicht herauskommt. Wer dieses Buch gelesen hat, wird Bakterien nie mehr als primitive Lebensformen bezeichnen. Denn ihre extremen Fähigkeiten sprengen in vielfacher Hinsicht die Grenzen, die Pflanzen und Tieren gesetzt sind.

Der Blick der meisten Menschen beschränkt sich auf Bakterien als Krankheitserreger, zu denen jedoch nur ein kleiner Teil gehört. Manchen ist noch bewusst, dass sie uns im Darm beim Verdauen helfen. Wer sich mit Essen befasst, weiß, dass wir ihnen Bier, Käse, Sauerkraut und Jogurt verdanken. Doch was einige der im Atlas beschriebene Arten sonst noch draufhaben, übersteigt die verrücktesten Science-Fiktion-Phantasien.

Ludger Weß

Winzig, zäh und zahlreich

Ein Bakterienatlas

Illustration: Falk Nordmann

Aus der Reihe „Naturkunden“ herausgegeben von Judith Schalansky

280 Seiten, 50 Abbildungen

Matthes & Seitz, Berlin

Es gibt solche Toten und solche

Der Guardian hat aus offiziellen Zahlen mehrerer asiatischer Staaten errechnet, dass im Zeitraum 2011 bis 2020 beim Bau der Anlagen für die Fußballweltmeisterschaft in Katar mindestens 6.500 Arbeitsmigranten aus Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan und Sri Lanka tödlich verunglückt sind. Über die Arbeiter aus Kenia und den Philippinen gibt es keine Zahlen. In Deutschland führte das zu keiner hörbaren Aufregung. Man stelle sich vor, die 6.500 wären Opfer des Atomunfalls von Fukushima, israelischer Militäraktionen im Gazastreifen oder Afroamerikaner, die von US-Polizisten erschossen wurden. Aber wen interessiert, was in einer kleinen arabischen Monarchie geschieht? Wir lassen uns das Fußballfest nicht vermiesen.

Ist es spießig, Grafitti doof zu finden?

Nein, ist es nicht. Das Taggen ist längst eine Massenbeschäftigung für ideenlose Schmierfinken geworden. Wenn man sich anstrengt, findet man vielleicht unter Tausend Grafittis eines, das einen Hauch von Originalität, Witz oder Talent enthält. Der Rest ist nicht wertvoller als das Pipi, mit dem Hunde ihr Revier markieren und macht Städte noch hässlicher als sie ohnehin schon sind.

Judge a book by its cover

Es gibt Bücher, die kaufe ich wegen ihrer Illustrationen. „Geheimnisse der Tierwelt“ ist so eines. Leider führt der Titel in die Irre: in dem Buch werden nicht mehr Geheimnisse enthüllt als in jedem gängigen Tierlexikon. Es müsste „Ben Rotherys Tierwelt“ heißen. Der britische-südafrikanische Zeichner Ben Rothery ist ein großer Künstler auf dem scheinbar unzeitgemäßen Feld der Tierdarstellungen. Sein akribischer Strich und seine Detailversessenheit bringen Tierporträts von einer einzigartigen Lebendigkeit und Ästhetik hervor. Aus jeder seiner Zeichnungen spricht das Wesen der jeweiligen Tierart. Bis heute kann die Fotografie da nicht mithalten. Ein Buch für alle, die ein Auge für die hohe Kunst der virtuosen Handzeichnung haben.

Ben Rothery: Geheimnisse der Tierwelt. Frederking & Thaler, München

Rückblicke durch rosa Brillen

Robert Habeck sollte man nicht für Extinction Rebellion verantwortlich machen. Die meisten Anhänger des Islam sind keine Islamisten. Rechte CSU-Anhänger haben mit Björn Höcke wenig gemein. Dass Pauschalisierungen falsch sind, ist eine Binsenweisheit. In Rückblicken auf die 70er-Jahre liest man jedoch oft, alle seien damals irgendwie links gewesen. Pauschal und falsch.

Richtig ist, dass viele Jugendliche sich in den 70er-Jahren in linken Gruppen und Parteien engagierten. Historiker schätzen, dass es 200.000 bis 250.000 waren. Das sind mehr, als heute bei „Fridays for Future“ aktiv sind. Auch die meisten Bundestagsparteien haben weniger Mitglieder. Viele Wortführer von damals machten später steile Karrieren. Doch es war keine Bewegung im Sinne eines gemeinsamen Zieles und gemeinsamer Überzeugungen, im Gegenteil. Es gab Totalitäre, die Diktaturen wie in China oder die Sowjetunion verherrlichten. Und es gab auf der anderen Seite antiautoritäre und undogmatische Linke, die eine freiere Gesellschaft erschaffen wollten. Man bekämpfte sich heftig mit Worten und immer wieder auch mit Fäusten. In Frankfurt kündigten die Führer einer maoistisch-stalinistischen Kaderpartei schon mal an, dass sie nach ihrer Machtergreifung Antiautoritäre in Arbeitslager stecken werden. In Berlin sprengten Mao-Jünger die Veranstaltung einer trotzkistischen Gruppe und schlugen mit Eisenstangen auf die Teilnehmer ein, bis mehrere schwerverletzt am Boden lagen. Zwei Beispiele von vielen. Das übliche Wegzwinkern, „Damals waren doch alle irgendwie links“, beschönigt eine irrlichternde und in Gewalt verliebte Zeit.

Worin besteht das Selbsttest-Risiko?

In den vergangenen Tagen höre und lese ich immer wieder die Covid-19-Selbsttests, die es hoffentlich bald in Apotheken zu kaufen gibt, seien nicht ohne Risiko. Im Radio klingen die Moderatorinnen bei dem Wort „Risiko“ immer ganz ernst. Das wirft zwei Fragen auf. Erstens: Kennen die Journalistinnen und Journalisten irgendetwas in der Medizin oder der restlichen Welt, was man ohne Risiko tun könnte? Ich nicht. Und zweitens: Worin besteht dieses Risiko? Darin, dass die Tests zuweilen ein falsches Ergebnis liefern. Aber was passiert dann? Wenn der Test mir fälschlicherweise anzeigt, infiziert zu sein, bleibe ich eine Woche zuhause. Lautet das Ergebnis aber falsch negativ, gehe ich unter Menschen wie bisher. Die Gefahr für meine Mitmenschen bleibt also schlimmstenfalls gleich. Für mich selbst besteht das höchste Risiko darin, dass ich eine Woche zuhause bleibe, obwohl es gar nicht nötig ist. Verglichen mit dem Risiko am Essen zu ersticken (etwa 450 Tote im Jahr in Deutschland), scheint mir dies akzeptabel.

Weniger ist mehr

Im Schaufenster eines Fahrradladens erfuhr ich, dass Fahrräder ohne Gangschaltung jetzt „Singlespeed Bikes“ heißen. Wieder was gelernt.

Gut gesagt:

„Der Nachteil der Demokratie ist, dass sie denjenigen, die es ehrlich mit ihr meinen, die Hände bindet. Aber denen, die es nicht ehrlich meinen, ermöglicht sie fast alles.“

Václav Havel

Entschleunigung, Nullwachstum, Ende der Globalisierung

Warum gibt es eigentlich kein Freudenfest der Wachstumskritiker? Okay, zurzeit sind Partys verboten. Aber man könnte doch zumindest eine virtuelle Siegesfeier, einen Dankgottesdienst in den Social Media oder etwas Ähnliches organisieren. Durch Covid-19 und Trump haben die Anti-Wachstums-Advokaten alles erreicht, was sie seit Jahrzehnten fordern: 2020 gab es in Deutschland nicht nur Nullwachstum, sondern sogar Minuswachstum. Lockdown und Hygieneauflagen haben das Leben der Menschen massiv entschleunigt. Und Trumps protektionistische Wirtschaftspolitik, der viele andere Regierungen folgten, bremste die Globalisierung aus. Sieg auf ganzer Linie – und es kommt keine Freude auf. Stattdessen ist die Zahl der Zeitungsartikel und Bücher, in denen Entschleunigung und Nullwachstum angepriesen werden, deutlich zurückgegangen. Vermutlich empfinden es die Wachstumskritiker als peinlich, dass ein Virus und ein verrückter US-Präsident ihre  Wünsche erfüllt haben.

Das Schweigen im Blätterwald

Zu Jahresbeginn häufen sich einmal wieder die Hiobsbotschaften über die alten Leitmedien des westdeutschen Journalismus. Süddeutsche, Stern und Focus werden noch ein Stück weiter kaputtgeschrumpft. Die Entlassungswellen schwappen nun schon seit mehr als zehn Jahren über die Redaktionen. Wie einst die Kohlekumpel sehen die Journalisten wie in immer schnellerer Folge ihre Arbeitsstätten verschwinden. Es betrifft alle, die einmal als „die vierte Gewalt“ im Staat bezeichnet wurden, von der FAZ, über den Spiegel bis Bild. ARD und ZDF wären auch längst pleite, würde sie nicht durch Gebühren am Leben erhalten. Leser und Zuschauer ignorieren, was einst so wichtig war. Montags musste man den Spiegel gelesen haben, wenn man im Büro erschien, die Tageschau hatte buchstäblich jeder gesehen und am Vorbeigehen schnappt man schnell noch auf, was die Bildzeitung gerade skandalisierte. Das war einmal. Die Branche selbst berichtet selten und recht wortkarg über die Krise. Würde ein anderes einst so stolzes Gewerbe ähnlich im Elend versinken, gäbe es dazu Schlagzeilen im Dutzend. Auch dies trägt zum Glaubwürdigkeitsverlust bei. Die Journalisten, die noch einen Job haben, mucken nicht auf. Ehrlichkeit noch Mut werden nur noch simuliert. Leser und Zuschauer merken es und wenden sich ab.

100.000 Jahre ohne Sex

Amazonenkärpflinge (Poecilia formosa) sind eine kleiner Guppy-ähnli­che Fischart aus Nordamerika, die zu 100 Prozent weiblich ist und sich durch Jungfernzeugung vermehrt. Die Töchter entwickeln sich aus unbefruchteten Eiern, sind somit Klone ihrer Mütter. Eigentlich müssten sie ausgestorben sein, denn evolutionär betrachtet hat Klonen gegenüber der sexuellen Fortpflanzung zwei Nachteile. In jedem Erbgut treten irgendwann Fehler auf. Wenn das Genom stets gleichbleibt und nicht aufgefrischt wird, kommen über die Generationen immer neue Erbfehler hinzu, bis es irgendwann keine gesunden Individuen mehr gibt. Außerdem können sich Klone wegen der mangelnder Neukombination ihres Erbguts nicht so schnell an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Vermutlich deshalb gibt es sehr wenige Wirbeltierarten, die sich durch Jungfernzeugung vermehren – so zumindest die Theorie. Doch die Amazonenkärpflinge überleben bereits seit über 100.000 Jahren. Jetzt haben Forscherinnen und Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei herausgefunden, warum die Fischchen so lange auch ohne Gen-Auffrischung durch Sex überleben konnten (Pressemitteilung des IGB vom 11.2.2021). Amazonenkärpflinge sind Hybride, die aus der Verpaarung zweier Arten entstanden sind. Das beutet, jedes Weibchen trägt zwei Garnituren DNA in sich, aus denen es sich wechselweise bedienen kann.

Anders als in der Physik oder Mathematik gibt es in der Biologie keine Regel ohne Ausnahme. Das Leben richtet sich nicht nach starren Formeln, weder beim Amazonenkärpfling noch beim SARS-CoV-2-Virus, noch beim Menschen.

Greenpeace kocht, DER SPIEGEL kellnert

Immer wenn man glaubt, der Journalismus sei nun vollends auf den Hund gekommen, legt Der Spiegel das Niveau noch ein bisschen tiefer. Ein Artikel unter dem Titel „Die Anti-Windkraft-Bewegung“ erschien am 9.2.2021 und berichtete über ein „Netzwerk von Windkraftgegnern, die als vermeintliche Umweltschützer wohl von der Industrie unterstützt gegen geplante Anlagen klagen, wie eine Recherche von Greenpeace zeigt“. Beim weiteren Lesen stellt sich heraus, dass der gesamte Artikel nichts weiter ist als eine Zusammenfassung dieser Greenpeace-Recherche. Beim eigentlichen Kern angelangt, der Frage welche finsteren Mächte die Windkraftgegner finanzieren, ist dann die Luft raus: „Woher das Geld kommt? Auch die Greenpeace-Recherche kann das nicht beantworten.“ Und beim Spiegel gibt‘s ja leider keinen, der recherchieren kann. Dass die Vernichtung von Hundertausenden Vögeln und Fledermäusen durch die Windindustrie, womöglich auch berechtigte Kritik von Naturschützern hervorruft, kommt der Spiegel-Redaktion genauso wenig in den Sinn wie ihren Souffleuren von Greenpeace. Auch kein Gedanke daran, dass es kein Journalismus ist, wenn man völlig unkritisch eine Recherche von Greenpeace abpinselt. Also von einer Organisation, die selbst ein Energieversorgungsunternehmen betreibt (Greenpeace Energy) und Windstrom verkauft. Was enthüllt der Spiegel wohl als nächstes: Eine BMW-Recherche über die Deutsche Bahn? Was Burger King über den Vegetarierbund herausbekommen hat? Es ist noch Luft nach unten.

Mit Relotius nach Utopia

Was haben der ideale Kommunismus und der mentale Orgasmus gemeinsam? Es gibt sie beide nicht. Sie existieren nur im Reich der Utopie beziehungsweise der Fantasie – was zuweilen das Gleiche ist. Hannes Stein gibt uns in seinem neuen Buch „Der Weltreporter“ eine Impression davon, wie es wäre, wenn es solche Unmöglichkeiten tatsächlich gäbe. Außer durch diese beiden Wolkenkuckucksheime reisen wir mit einem etwas obskuren Hamburger Reporter noch kreuz und quer durch zehn weitere Uto- und Dystopien, von der ultimativen Völlerei im Restaurant am Ende der Welt bis zur gemütlichen Münchner Räterepublik unter tropischer Sonne. Am Schluss erfahren wir sogar, was uns im Jenseits erwartet. Wohl zur Überraschung aller Glaubensfanatiker wird es von einer ziemlich tiefenentspannten Runde aus Religionsgründern von Moses bis Mohammed verwaltet.

In seine Erkundungen der Unwirklichkeiten fügt Stein immer wieder aktuelle Bezüge: von Trumps Niedergang bis zum Relotius-Skandal. Die Rahmenhandlung spielt während einer tödlichen Pandemie. Doch diesen Gegenwartsbezug habe er vorausgeahnt, beteuert Stein. Das Buch sei vor der Covid-19-Seuche beendet worden.

Eine Reise durch ideologische Luftschlösser und versponnene Traumwelten geführt von einem journalistischen Märchenerzähler – der manchmal durchaus sympathisch ist.

Hannes Stein: Der Weltreporter. Galiani Berlin. Erscheint am 11. Februar 2021

Gut gesagt:

„Jeder Mensch hat das Recht auf schlechte Laune. Man sollte das in die Verfassung aufnehmen.“

Georges Simenon

Wenn die Realität die Satire überholt…

Als vor Jahren einige Autoren die These aufstellten, Essen würde von manchen Menschen mittlerweile ähnlich sündhaft empfunden, wie Sex bei den Viktorianern, hielt ich das für übertrieben – für eine satirische Zuspitzung, um einen merkwürdigen Trend zu kritisieren. Sie hatten Recht. Das schlechte Gewissen beim Essen wird nun schon von der Lebensmittelindustrie vermarktet. „Not Guilty“ heißt eine Marke für Fruchtgummis und Marshmallows. Ein Eiweißdrink wirbt mit dem Slogan „Guilt Free Pleasures“. Lustvoll essen war gestern.

Oh Schreck: Geimpfte werden krank und Pferde fetter

Welcher Ausschnitt veröffentlicht wird, kann die Aussage eines Bildes komplett verändern. Ein bekanntes Beispiel ist ein Foto aus dem Irakkrieg 2003, das in manchen Schulbüchern genutzt wird, um Jugendlichen die Macht der Bildmanipulation zu erläutern. Das Originalfoto zeigt einen Gefangenen zwischen zwei Soldaten. Der eine gibt ihm Wasser zu trinken, der andere hält ihm den Lauf eines Gewehres an den Kopf. Je nachdem, wie man das Foto beschneidet, kann man einen von beiden Soldaten verschwinden lassen, was die Botschaft des Bildes umkehrt.

Bei Lesen der Berichterstattung zur Covid-19-Pandemie muss ich oft daran denken, dass es sich mit Texten genauso verhält. Die tagesaktuellen Nachrichten über Einzelereignisse verändern laufend das Gesamtbild in die eine oder andere Richtung. Ein Mensch erkrankt, obwohl er schon geimpft war. Ein Experte äußert die Vermutung, dass die Grippeimpfung auch vor Covid-19 schützen könnte. Es klappt nicht mit der Impfstoffversorgung für einem Pflegeheim. Ein junger, nicht vorerkrankter Mensch stirbt. Alles ist wahr. Doch wie relevant sind solche Einzelereignisse? Wie wirken sie auf Menschen, die sich nur sporadisch und unsystematisch informieren? Und das sind leider viele.

Gerade in der Berichterstattung über Wissenschaftsthemen, sagen Einzelfälle und anekdotische Ereignisse nichts aus. Ich habe mir mal den Spaß erlaubt und Artikel gesammelt, in denen seltsame Folgen der Klimaerwärmung vorhergesagt werden: Es war so ziemlich jede noch so bizarre Prognose dabei, von „Schweine werden dünner“ bis „Pferde werden fetter“. Zur Aufklärung über den Klimawandel trugen die wenigsten dieser Artikel bei.

Im Internetzeitalter wäre die Lösung des Problems der ausschnitthaften Berichterstattung ganz einfach: Man verlinkt einen Text, der das Gesamtbild erklärt. Doch das möchten viele Redaktionen nicht, die vom Sensationalismus und „Immerschlimmerismus“ getrieben werden. Es es würde ja die Relevanz des erratisch Realitätsausschnitts relativieren.